Medeas Stimmen

Ein warm beleuchteter Zuschauerraum am Premierenabend, klinisches Licht umgibt die Drehbühne, die von Spiegellamellen unterteilt wird. Acht Personen treten in schwarzen Gewändern auf, auf den Köpfen Hauben, an den Füßen schwarze Schuhe, große schwarze Schleifen unter dem Kinn. Ein Takt setzt den Chor in rhythmische Bewegungen. Einer tritt hervor, der Takt regiert, das Echo folgt.

Rituelle Hinrichtung, Menschenopfer, untermalt vom Aufschlagen der sieben hölzernen Dreschflegel auf hartem Boden. In der Mitte ein Mann, sein Gesicht von einem Widderkopf mit goldenem Horn verdeckt. Er ist fremd, bedrohlich und begehrt das goldene Vlies – natürlich. Eine schauerliche Zeremonie zum Schutze vor Veränderung. Am Ende der Ausruf: „Er ist tot!“ Ruhe kehrt ein, das Gleichgewicht scheint wieder hergestellt.
Doch der Fremde ist nicht tot, er ist dank der Königstochter Medea dem Tod entronnen.

Dass die Argonauten und deren Anführer Jason in Kolchis landen, um das Land zu urbanisieren, in die Rollen von Thomas und John Smith schlüpfen, ist zunächst eine Überraschung. Eine Audioeinspielung aus dem Kinderfilm „Pocahontas“ legt ihnen die Worte in den Mund, ihre Lippen bewegen sich und erzählen eine Geschichte, die sich ähnlich verhält wie die Medeas. Auch die Begegnung zwischen Jason und Medea wird durch John und Pocahontas noch einmal erzählt, indem sie das Lied vom Farbenspiel des Windes singen. Dass derweil ein zweites Medea-Jason-Paar die Bühne betanzt und das erste schließlich ablöst, fügt sich in die Synchronisation.
Als ein Abriss von Maria Callas‘ Leben eingewoben wird, schließt sich der Kreis.
Drei Figuren der Medea erleben die ZuschauerInnen im Laufe der Vorstellung.
Die junge und wilde, die Mutter und zivilisierte, die zum Sündenbock erklärte und ausgestoßende.
Pocahontas, Medea und Maria Callas.
Drei Frauen, drei Leben, ähnliche Schicksale.
Jede der Frauen hat ihre Heimat verlassen und sorgt in der Fremde für Aufruhr. Missverstanden und ausgenutzt bleibt den dreien die Verzweiflung.
Die Geschichte der Medea wirkt als Schablone, die exemplarisch über drei Leben gelegt wurde, um die sich Mythen ranken. Verrat und Ansehen, Ruhm und Ehre, Kraft und Kunst – und am Ende die Angst und Aufoperung.

Die Parallelen sind so prägnant gezeichnet, dass die Textvorlagen lediglich als Vorgaben erscheinen und das Ausmaß der Tragödien offen legen. Texte, die ebenso auf die jeweils anderen Frauen passen würden, Worte, die nicht ihre eigenen sind. Das Rhythmische, das innerhalb der Aufführung konsequent bleibt, sind die Regeln. Der Chor als Stimme der Gesellschaft, als allgemeingültige Aussage aus Mündern, von denen etwas erwartet wird. Auferlegte Stimmen, derjenigen, die ihre nicht erheben dürfen. Stimmen, die nicht gehört werden wollen und ersetzbar, austauschbar sind.

Foto: Katrin Ribbe

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