Wo käme man denn hin, wenn beide Kaffee mögen würden?

Sometimes I think, I can see you, Echtzeit-Performance.
Eine Echtzeit-Szene.

Es ist Nacht, Nina kocht etwa vier Liter schwarzen Kaffee. Es klingelt. 
Nina öffnet die Tür und Inke betritt den Flur, die beiden begrüßen sich freundschaftlich.
Warum sie sich treffen? Um einen Blogeintrag (Metaebene) über die Echtzeit-Performance „Sometimes I think, I can see you“ zu verfassen, an der beide an unterschiedlichen Tagen teilgenommen haben. Das Setting war das gleiche, die Protagonisten verschieden. U-Bahnhof Kröpcke, Hannover, ganz unten. Vier AutorInnen, vier Bildschirme, verschiedene Geschichten. 

 Inke schenkt zwei Kaffeetassen ein. 

Nina: Ich muss dir von einem Mann erzählen, den ich gestern Nacht getroffen habe. Wir hatten eine einseitige – rein platonische – Liebesbeziehung. Sie macht eine Kunstpause. Sein Name ist Jakob Nolte. Mit roten Wangen liest sie in ihrem Kaffeesatz. Er zeigt einen Chinchilla.
Inke: Da hattest du es romantischer als ich.. Ich habe mich mit einem Mann von der Bahnwache gestritten. Ihre Augen leuchten. Ihre Zigarette ebenso.
Nina: Inke, ich finde das ein bisschen egoistisch von dir. Meine Beziehung ist vorbei, zerstört durch Hirsche. Hirsche!
Wütend baut Nina das Setting der U-Bahn-Station Kröpcke mit ihren Küchenstühlen nach.
Noch wütender stellt sie je zwei sich einander gegenüber stehende Stühle bereit, aus einer Menge Altpapier und weißen Bastelkleber modelliert sie innerhalb von Sekunden zwei Gleise und holt vier frische Leinwände aus dem Kühlschrank. Zwei der Leinwände hängt sie Rücken an Rücken zwischen die Gleise, die anderen beiden links und rechts über die Stühle.
Am wütendsten setzt sie sich auf einen der Stühle.

Nina: Ich bin Jakob Nolte. Ich bin Autor und ich nehme an dieser Performance teil. ich schreibe über die Menschen, die ich hier sehe. Wie zum Beispiel über diesen Typen im roten T-Shirt. Ich kenne ihn nicht, denn er will nur U-Bahn fahren. Aber ich bin Autor, also schreibe ich eine Geschichte über ihn, in der er Christopher heißt.
Inke: Ich weiß, ich weiß. Ich war bei der Premiere. Sie holt Luft für das Namedropping. Katja Brunner, Franziska vom Heede, Hartmut El Kurdi und deine sehr kurze Liebe Jakob Nolte habe ich schon vor dir schreiben gesehen. Überheblich nippt sie an Ninas Chinchilla-Kaffeesatz, um etwas zu beweisen.
Nina: So wie ich dich kenne, hast du dich hinter einer Säule versteckt. Ich aber war mittendrin statt nur dabei! Alle haben mich gesehen, alle haben über mich geschrieben! Aber was hat Jakob Nolte geschrieben? Ich sollte eine Pyramide bauen. Mit Christopher. Also zack! Pyramide. Aber hat er mir ein Wort gewidmet? Nein. Nur Christopher. Wütend tritt sie in den Jakob-Nolte-Schrein im Weinregal.
Inke: Ja, ich stand an einer Säule. Oben über den Gleisen. Da, wo ich alles sehen konnte, auf alles herabblicken konnte! Allerdings konnte mich so auch der Mann von der Bahnwache sehen. Und zack! Streit.
Nina: Inke, darum gehts doch gerade überhaupt nicht. Jakob Nolte hat mich nicht beachtet. Und ich kann mich nicht entscheiden, welche Facette meines Seins jetzt beleidigt ist. Ich weiß nur: Interaktion finde ich doof.
Beide echauffieren sich über das Patriarchat.
Nach einer Weile erinnert sich Inke an ihre Streitschlichterausbildung in der achten Klasse, in der sie gelernt hat, dass man vor allem auf die positiven Aspekte eines Ereignisses zurückblicken soll. 

Inke: Ich erinnere mich gerade an meine Streitschlichterausbildung in der achten Klasse, in der ich gelernt habe, dass man vor allem auf die positiven Aspekte eines Ereignisses zurückblicken soll. Also mir hat ja die Daily Soap von Thorben und Saskia gefallen. Die beiden treffen sich jeden Abend an der U-Bahn. Sprechen kurz, warten, küssen sich, Ende. Tipp: Thorben wartet aber auch auf Johanna. Das ist der Stoff aus dem Geschichten gemacht werden!
Nina: Weil ich Kategorien mag, habe ich alles kategorisiert. Eins: Spotted. Die, die beschämt zu Boden blicken. Die, die nicht bemerken, dass sie gemeint sind. Die, die noch drei Bahnen abwarten, weil die Spannung sie an die Bildschirme fesselt. Zwei: Gespotted werden. Ich werde bemerkt. Was denken sich diese Autoren über mich? Was trifft zu, was nicht? Erstaunlicherweise habe ich das Gefühl, etwas über ich selbst gelernt zu haben, obwohl sich das Geschriebene nur an der Wahrheit entlang hangelte. Drei: Die existentielle Ebene. Die Erkenntnis dass jeder Passant ein eigenes komplexes Leben führt – so wie wir. Mit allen Macken, Dramen, Freuden, FreundInnen – ein sozial tiefgreifendes Geflecht aus Energien. Die Faszniation für die Einzigartigkeit eines jeden Individuums. Nina knipst eine Salzsteinlampe an und trinkt plötzlich grünen Tee, während sie ein Tuch mit einem Mandalamuster aufhängt.
Inke: So meta.. murmelt Inke in ihre Zigarette und wiederholt es in Richtung ihres Glases Gin, das sie in weiser Voraussicht während Ninas Monolog bereitgestellt hat. Auch Nina erinnert sich jetzt an Inkes Streitschlichterausbildung und fühlt sich beflügelt. Fröhlich baumelt sie mit ihren Füßen in der Luft, weil sie den Boden nicht erreichen kann.
Nina: Ich möchte eine popkulturelle Referenz machen, weil ich auf den Bildschirmen zweimal etwas über Trump gelesen habe. Da fällt mir sofort Twitter ein. Außerdem hat das ganze Prozedere doch etwas von Twitterkultur. Jeder Autor kann nur die eine Zeile sehen, die er gerade schreibt. Alles wirkt bruchstückhaft und fügt sich erst auf den Leinwänden als Ganzes zusammen. Wie oft wird über Menschen getwittert – gut oder schlecht – die einem im Alltag begegnen, ohne davon jemals etwas zu erfahren. Also warum berührt es mich, wenn so etwas ausgestellt passiert?
Inke: Weil es echt ist, real ist – authentisch nennt man das. Du kannst es nicht kontrollieren, es geschieht trotzdem und du musst es aushalten.
Beide schauen bedächtig in verschiedene Richtungen. Weil Inke  aber vor Jahren  ihre kurze Försterkarriere an die Schrotflinte gehängt hat, brennt ihr Ninas Hirschgeschichte unter den Nägeln.
Inke: War es eigentlich Dam-, Reh- oder Rotwild?
Nina: Ich weiß nicht, da, wo ich herkomme, kenne ich Hirsche nur aus dem Nachtprogramm von arte. Deswegen ist RTLII so populär.
Inke: Brutus, auch du?
Inke schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn, schüttelt den Kopf und hält sich Augen, Nase und Ohren zu.
Nina: Jakob Nolte hat lieber über Christopher geschrieben, der sich aus dem Millionengewinn seiner App – eine Mischung aus Fight Club und Tinder – den Deister gekauft hat, doch bei seinem Hobby, der Jagd, versagt. Die Population der Hirsche nimmt Überhand, sodass diese 51% der Landesregierung Niedersachsens stellen. Aber Jakob Nolte schreibt lieber über Christopher. Und Hirsche. Aber diese Hirsche haben unsere Beziehung zerstört. Hirsche!
Zur Beruhigung kocht Inke sechs Liter Kaffee. Sie denken über ein Fazit für ihren Beitrag nach. Zu Recherchezwecken schauen sie sich das Video von der Performance, das der NDR gedreht hat an.
Inke: Den Leuten hat es gefallen, sie haben mitgemacht und hatten Spaß. Es ist immer schön, wenn der öffentliche Raum mit der Kunst Berührungspunkte schafft. Und das live, weiß auf schwarz. Sie nimmt einen großen Schluck Kaffee und Nina wischt sich die letzte Jakob-Nolte-Hirsch-Enttäuschungsträne aus dem Augenwinkel.
Künsterleben, Künstlerleben.. murmeln beide in den Kaffeesatz, der jetzt eine U-Bahn zeigt. 

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Text: Nina A. M. Wolf und Inke Johannsen

 

Jakob Nolte bei der Arbeit
Fotos: Katrin Ribbe

 

 

 

 

 

 

 

 

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