Kulturschock

Premiere von Medea im Schauspielhaus

Als sich die Schauspieler*innen auf der Bühne verbeugen, der Beifall tost und sich der Regisseur Tom Kühnel seinen Applaus abholt, kann ich gar nicht richtig klatschen. Ich befinde mich noch in Schockstarre. Gerade hat Medea in symbolhafter Form ihre Kinder ermordet. Eine triumphale Rede gehalten und – Ende des Stückes. Die letzten eineinhalb Stunden waren so voll mit Themen, eindrucksvollen Bildern und Gefühlen, relevant, aktuell, düster, dass ich mich überrollt fühle und gar nicht weiß, wie ich das alles in eine 20-zeilige Rezension packen soll.

Tom Kühnel inszeniert im Schauspiel Hannover Medea nach Franz Grillparzer (und anderen), der das Thema im 19. Jahrhundert in seiner Trilogie Das Goldene Vließ verarbeitet. Der Stoff stammt aus der griechischen Mythologie, und gehört zu den am meisten in der Weltliteratur verarbeiteten Stories überhaupt.

Medea ist die Tochter der Königs Aietes von Kolchis. Die Kolcher sind  unrechtmäßig in Besitz des Goldenen Vlieses (in dieser Inszenierung ein ziemlich ekliger halber Steinbock) und Jason, ein Grieche, kommt nach Kolchis, um das Goldene Vlies zurück zu fordern – oder, wenns nicht anders geht, zu stehlen. Als Medea ihm begegnet, verlieben sich die beiden. Die Kolcher wollen Jason töten, Medea rettet ihn, stiehlt mit ihm das Goldene Vlies und flieht nach Griechenland. Dort verlässt Jason sie und Medea tötet aus Rache ihre gemeinsamen Kinder. Soweit die Kurzfassung der Story.

Besonders gelungen inszeniert der Regisseur das Aufeinanderstoßen zweier Kulturen, die sich vollkommen fremd sind und weder verstehen noch wertschätzen – die Feinde sind. Die Kolcher auf der einen Seite, die Griechen, also Jason plus Begleitung, auf der anderen. Die Kolcher bewegen sich nur in einer Choreografie, sie sprechen chorisch, eine bedrohliche, düstere Melodie oder eher Geräuschkulisse umgibt sie. Der Zuschauer braucht etwas, um sich an den seltsamen Rhythmus zu gewöhnen. Und selbst dann ist die Monotonie anstrengend, ungewohnt, sogar etwas langweilig. Sie dauert an. 10 min. 20 min. Gefühlte 30 min. Und dann endlich! Ja, endlich Auftritt der Griechen, in Jeans und T-Shirt und Sneakers, die mit dem Publikum sprechen und zwar „ganz normal“ und denen die Szenerie, die ihnen in Kolchis begegnet, auch mehr als seltsam erscheint. Quasi einen radikalen Kulturschock erleben. Und vor allem: Endlich echte Charaktere. Individuen. Menschen, so wie ich!

„Ups. Habe ich das gerade wirklich gedacht?“ fragt sich der Zuschauer erschrocken, im Hinterkopf noch den letzten ausländerfeindlichen Facebook-Post, der ihm auf irgendeiner Pinnwand begegnet ist. Aber da greift der Regisseur Tom Kühnel auch schon ein und lässt aus dem Off Pocahontas‘ Stimme singen: „Für dich sind echte Menschen nur die Menschen, die so denken und so aussehen wie du. Doch folge nur den Spuren eines Fremden, dann verstehst du und du lernst noch was dazu!“
Dazu performen auf der Bühne Medea alias Pocahontas und Jason alias John Smith und verlieben sich ineinander. Der moralische Zeigefinger auf der Brust des Zuschauers ist perfekt. Und vielleicht ein kleines bisschen dick aufgetragen.

Die echten Probleme gehen aber erst los, als Medea und Jason „sich gekriegt“ haben und auf und davon Richtung Griechenland segeln. Medea, die alles für Jason aufgegeben hat, ihre Familie, ihre Kultur und ihre Zauberkräfte, erkennt sich selbst nicht wieder und muss feststellen, dass Jason keine Gefühle mehr für sie hat.

Ehedrama. Medea wird von Jason immer mehr an den Rand gedrängt, er heiratet eine andere, und dann gibt es den Streit um die Kinder. Es ist tragisch, mit anzusehen, wie die in Kolchis so selbstbewusste, mächtige Medea untergeht, sich fügen muss. Sie selbst findet das wohl auch tragisch. Betrinkt sich (Kinder, Alkohol ist keine Lösung, auch nicht für Medea), zerstört eine E-Gitarre, bettelt und fleht.

Drei Hauptdarstellerinnen teilen sich die Rolle der Medea: Katja Gaudard, Carolin Haupt und Vanessa Loibl. Sie schaffen es, in den verschiedenen Phasen ihres Weges einen Einblick in Medeas Gefühlswelt zu geben. Hysterisch, voller Zerstörungswut, ihres Stolzes beraubt, rachsüchtig. Aber auch tief verletzt. Und ohne Hoffnung.

Die Darsteller*innen liefern eine tolle Show und ich bin einmal mehr beeindruckt, wie viel die Griechen schon über unsere heutigen Probleme wussten.

Zum Schluss klatsche ich doch.

Foto: Katrin Ribbe

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