Der Anklatscher Schweigt. Witze auf Kosten von Minderheiten ist gelebte Demokratie!

Ich bin hin und weg!

Die „Zur Nacht Schau“ (im Folgenden als ZNS abgekürzt, das macht es auch für den Hashtag einfacher) macht richtig Spaß.

Also natürlich gibt es noch einige Fehler. Um fair zu sein gibt es noch eine ganze Reihe von Fehlern: Der Telepromter steht schief, die Einspieler bleiben erst hängen und starten dann, wenn sie es nicht sollen, das Logo im Hintergrund hat nie die richtige Auflösung für das Seitenverhältnis des Monitors.

Doch es sind genau diese kleinen Ecken, Kanten, Macken, die die ZNS so charmant machen, die Show lebt von der Personality des Moderators Jonas Steglich, der jedes Aufkommen einer professionellen Distanz zwischen dem 45-köpfigen Publikum und ihm selbst durch das Schließen des zweiten, unteren Knopfes am Jackett geschickt zu umgehen wusste.

Noch ein Satz, und dann solls auch wirklich gut sein, aber der muss noch raus: Ich mag Authentizität! Aus dem Grund bin ich ein Fan von IKEA Regalen UND dem Steglich, denn der hat so viel Leidenschaft für das was er da macht, dass es eine Freude ist ihm dabei zuzugucken.

Allerdings finde ich Dinge auch sehr schnell wieder doof, also mal gucken wie lange das hält.

Natürlich fällt und steht ein solches Format mit der Qualität der Witze, aber in diesem Punkt kann ich Sie beruhigen: Sie sind sehr gut, glauben Sie mir einfach.

So gerüstet konnte die Sendung starten; wobei: Direkt zu Beginn musste ich kurz zucken, ein Witz ging auf das Konto texanischer Holzhüttenbesitzer, die im Zuge von Hurrikan Harvey nun gewissermaßen nicht mehr alle Latten am Zaun haben. Hier musste ich kurz überlegen, ob an dieser Stelle jetzt schon gelacht werden darf, aber da das Unglück fast 10.000 km weit weg ist, geht das in Ordnung.

Über eine Sache habe ich mich dann aber doch kräftig aufgeregt!

Das Ärgernis saß einen Platz neben mir. Rothaarig, ungefähr 19 Jahre alt, sah so aus, als könnte er im Dezember Geburtstag haben.

Dieser Mensch hat während der gesamten Sendung nicht ein einziges Mal gelacht, was für mich sehr unangenehm war, man stelle sich die Situation vor:

Ich sitze da und klatsche heftig – ein wenig mehr als ich müsste, aber meine Jobs mache ich nun mal sehr gewissenhaft und außerdem habe ich mich köstlich amüsiert und es könnte alles so einfach sein – nur LEIDER sitzt dieses Feuerwerk der schlechten Laune links neben mir.

Den Rest der Sendung habe ich also damit zugebracht zu überlegen, was bitteschön sein Problem sei. (Damit Sie das Folgende verstehen, muss ich kurz einwerfen, dass die ZNS inhaltlich sehr politisch war. Insbesondere über die FPD, aber auch über die ganzen anderen Parteien wurde anständig hergezogen.)

Die Lösung traf mich dann gegen Ende der Sendung, als der Moderator mit dem Publikum zusammen den Wahl-O-Mat löste, nach folgendem Prozedere: Jonas Steglich las eine Frage vor und nun waren die Zuschauer aufgefordert über Handzeichen ihre politische Meinung kundzutun.

Während nun die Mehrheit der Zuschauer wohl aus Kollegialität und Gruppenzwang immer relativ gesinnungsgleich abstimmten (das Ergebnis war eine überwältigende Mehrheit für die Grünen, dicht gefolgt von den Linken) hielt dieser Querulant provokant dagegen.

Das war mir irgendwann so auffällig, dass ich mir seine Antworten notierte und später in der Nacht den Wahl-O-Mat abermals bediente, nur dass ich diesmal ausschließlich seine Antworten eingab.

Bei der Auswertung fiel es mir wie Schuppen von den Augen: 100 PROZENT für die FDP!

Dieser Jemand muss den Wahl-O-Mat auswendig gelernt haben, ansonsten kann ich mir dieses Resultat nicht erklären, selbst Herr Lindner wird keine einhundertprozentige Deckungsgleichheit haben, das wäre schließlich genauso absurd, wie wenn ein Kanzlerkandidat Mitte März dieses Jahres auf einem Bundesparteitag mit mehreren Tausend Teilnehmern mit 100-prozentiger Übereinstimmung gewählt worden wäre.

Da saß nun also diese Person um 22:30 Uhr auf den Treppen der Cumberlandschen Galerie und war beleidigt, weil sich über seine politische Überzeugung lustig gemacht wurde.

Herrje hat mich das aufgeregt! Denn ich finde, Leute, die nicht darüber lachen können, wenn Witze gegen ihre Überzeugungen und auf ihre Kosten gemacht werden, haben gleich zwei Dinge in unserem Rechtsstaat nicht verstanden:

Erstens, das Grundrecht auf MEINUNGSFREIHEIT! Jeder darf alles sagen, was er will und das muss man akzeptieren!! Bis auf Hitlerwitze natürlich, die gehen gar nicht, aber sonst darf man alles sagen! Und jeder, der das einschränken würde ist ein Anti-Demokrat!… Außer halt bei Hitlerwitzen.

Zweitens: DEMOKRATIE! Witze sind Sache der Mehrheit, das ist nun mal so! Sind Sie der Schwule am Stammtisch und der Vegetarier beim Grillen dann haben Sie einen Scheißabend, und das ist auch gut so, denn das bedeutet, dass der Rechtsstaat funktioniert!

Ich wünschte, ich hätte ihm das alles während der Aufführung sagen können, aber so gibt es die Abreibung eben postalisch. Das war also die erste Ausgabe der Zur Nacht Schau, mir hat sie sehr viel Spaß gemacht und ich freue mich auf die Nächste.

Vielleicht ist dann der Rothaarige auch nicht mehr da.

Zur Nacht Schau: Jeden ersten Donnerstag im Monat, 22:30 Uhr, Cumberland
Ausstrahlung bei h1-Fernsehen zwei Tage später.

Foto: Katrin Ribbe

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