Kabale und Liebe – Still a Better Love Story than Twilight

Das Junge Schauspiel stattet Schillers bürgerliches Trauerspiel mit blutsaugenden Protagonist*innen aus und bietet zwischen Symbolismen und Situationskomik ein sehenswertes Potpourri medialer Bezüge und schauspielerischer Glanzmomente.

Spätestens seit dem Hype der vergangenen Jahre hat das Vampir-Sujet mit seinen glitzernden Teenie-Vertreter*innen aus Twilight und Co. im Mainstream eine positive Umdeutung erfahren. Aus den blutsaugenden Horrorfiguren wurden schillernde Popstars, statt Knoblauch und Kreuz werden ihnen heute Smartphones für Selfies entgegengestreckt. Nicht ins Sonnen- sondern Rampenlicht stellt auch der junge Regisseur Jan Friedrich seinen blutsaugenden, ausbeuterischen Adel und orientiert sich dabei glücklicherweise mehr an Bram Stoker denn #TeamEdward. Der Sympathie des Publikums können sich aber auch seine Protagonist*innen kaum entziehen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist Beatrice Frey und ihre hin zur weiblichen Regentschaft adaptierte Rolle der Präsidentin von Walter, die blutrotes Barockkleid zu weißer Perücke und modischer Sonnenbrille kombiniert. Assoziationen, die mit ihr als Mutterfigur entstehen, machen manch herrischen Umgang mit ihrem Sohn wieder wett. Im überlebensgroß projizierten Close-Up von Freys Mimik ist es dann ein süffisantes Zähneblecken, das die Zuschauer*innen gleichsam zum Schmunzeln und Lachen bringt. In diesen Momenten zahlen sich die Live-Videos – als zentrales Inszenierungselement gebraucht – wirklich aus, stellen intermediale Bezüge her und einen Mehrwert dar. Philipp Kronenberg leistet hier einen bemerkenswerten Nebenjob als Kameramann, stets schon im barocken Vampir-Drag seiner Figur Kalb. Es würde nicht weiter verwundern, hätte er noch ein paralleles Engagement bei der Rocky Horror Picture Show.
Gelegentlich wirkt dieser Live-Video-Einsatz jedoch auch pragmatisch, wohl dem raumgreifenden Bühnenbild geschuldet, welches Handlung und Figuren zunächst in sich verbirgt.

Alexandre Corazzola entwarf für Kabale und Liebe einen überdimensionierten Turm, der wohl ähnlich einer mehrstöckigen Torte die Schichten der Gesellschaft symbolisieren soll. Als Unterschicht das Heim der Millers, dunkel und spartanisch, darüber die spätbarocken Gemächer der Aristokratie samt Balkon für die Regentin. Die Dachetage bewohnt eine Lady Milford, die eine ausgeprägte Vorliebe für Disco, Lametta-Vorhänge, Neon-Kreuze und skurrile Mitbewohner*innen à la Shades of Grey kennzeichnen. Unter schwerfälligem Rattern dreht sich dieses Monstrum an Gesellschaftssymbolismus und gewährt zusehends tiefe Einblicke, wird vom wütenden Major bis auf das hölzerne Gerippe entkleidet, seine Wirbelsäule eine Wendeltreppe.

Neben dem intriganten Wurm, von Silvester von Hösslin zwischen werwölfischem Schoßhündchen und Liebhaber der Präsidentin angelegt, ist es vor allem der junge Vampir Ferdinand von Walter, der zwischen den Schichten ganz stürmisch und drängend agiert. Daniel Nerlich führt seinen vampirischen Verführer nicht ohne selbstironisch-überspitztes Aufblitzenlassen seiner Zähne ein, begleitet von Musik wie der eines Don Juan.
Verständlich, dass die fromme Luise ihm verfällt und das junge Liebespaar koitierend durch Jan Friedrichs Horrorvision eines Bürgertums tollt, bis der gestrenge Herr Miller die beiden trennt oder Mama dazwischen geht. Sophie Krauß macht aus ihrer Luise Millerin bei aller Kabale und zugegeben reduzierter (romantischer) Liebe eine sehr ambivalente Figur. Einerseits hält sie fromm, beinahe ängstlich an ihren religiösen Grundsätzen fest, tritt dann wiederum inmitten des Publikums stehend widerständig der Milford gegenüber, erleidet aber auch gelegentliche psychotische Schübe, während derer ihre mit Tampons garnierten Cocktails und doktrinären Selbstmordgedanken dem Publikum nun einmal wirklich das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Jan Friedrichs Inszenierung samt überhöhter Spielweisen, Symbolismen und Situationskomik ist keineswegs bloß ausufernder Trash, sondern einmal in Fahrt gekommen durchweg unterhaltsam und hält das Publikum mit seiner Bildgewalt, der Live-Video-Dopplung und seinen popkulturellen Referenzen gleichsam außer Atem und bei Laune. Stark ist dann im Kontrast vor allem die Schlussszene, in der das Tempo merklich gedrosselt wird. Sich meist feindselig anschweigend harren Ferdinand und Luise auf Plastikstühlen vor der Millerschen Wohnung bis(s) zum Morgengrauen aus, bis schließlich die Wirkung der vergifteten Limonade einsetzt. Schillers Gesellschaftskritik versteckt sich dabei ein wenig in den sinnlichen wie symbolistischen Bildwelten, in denen die Sympathien neu verteilt werden, am Ende das Muttersöhnchen Ferdinand und die Präsidentin das Mitleid des Publikums für sich beanspruchen. Was sie aber bekommen, ist Applaus!

Foto: Isabel Machado Rios

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