Eine Stadt will nach oben – das Theater aber auch!

Vorweg ein kurzer Test

Finden Sie es lustig, wenn ein Chinese mit falschem spanischen Akzent spricht und dabei in einem viel zu großen, sackartigen Kostüm steckt?

Oder was sagen Sie zu diesem One-Liner: „Du weißt nicht, was Konfektion ist?!“ „Ich dachte, das hat was mit Schokolade zu tun!“

Wenn Sie beides witzig finden, dann sollten Sie sich die ersten beiden Folgen der neuen Theaterserie Eine Stadt will nach oben unbedingt angucken.

Wenn das für Sie aber plump und hölzern war, dann werden Sie vermutlich aus der Vorstellung kopfschüttelnd herauskommen – oder gar nicht erst hingehen, weil Sie eine der negativen Rezensionen zu Eine Stadt will nach oben gelesen haben.

Sie sollten trotzdem hineingehen. Wenn Sie Theater als Kunst begreifen. Und wenn Sie von Kunst verlangen, dass sie Risiken eingeht. Oder wenn Sie mit Kunst nicht von der Realität abgelenkt werden, sondern in Ihrem Bewusstsein weitergebracht werden wollen. Denn Regisseur Alexander Eisenach versucht in den ersten beiden Folgen der Theaterserie zweierlei: eine Story zu erzählen UND das Theater neu zu denken. Die Story ist schnell erzählt: Es geht um einen Landjungen inmitten der Wirren der Industrialisierung. Der Plot ist auch gut fesselnd – erfüllt aber noch nicht den Anspruch an das Theatererlebnis, das Eisenach hier liefern wollte.

Film trifft Theater und macht… was?

In der neu gedachten Spielstätte Cumberland (historisches Treppenhaus und flexible Raumbühne zusammengedacht) hat es sich ein junges Team für diese Spielzeit zur Aufgabe gemacht, Theater neu zu denken. Und in der Tat, bei dieser Inszenierung ist so einiges ungewohnt: Die klassische Struktur von „Publikum guckt auf Bühne“ wurde aufgehoben, man sitzt, über drei Etagen verteilt, auf den Treppen der Galerie und guckt auf einen Fernseher, denn bis auf eine kurze Einführung wird das gesamte Theaterstück abgefilmt und live übertragen. Gespielt wird um das Publikum herum, und mitten durch es hindurch. Dabei werden die Kameras nicht bloß auf die Szenerie „drauf gehalten“, sondern die Kamera ist als eigenständiges Medium bei der Inszenierung mitgedacht worden. Auf diese Weise entsteht eine interessante Symbiose: Manchen Szenen erlebt man nur als Film mit der typischen Spielfilmoptik, andere Szenen, dann wieder im Blickfeld des Zuschauers, wirken sehr theatralisch. Irgendwann verschwimmen die Grenzen und man akzeptiert, dass einem hier weder Fisch noch Fleisch, weder Theater noch Kino geboten wird.

Die Inszenierung lässt es nicht zu, dass man in das Hannover des ausgehenden 19. Jahrhunderts versinkt, dafür sind zu viele Störelemente eingebaut: Logikbrüche, Stilwechsel, plötzlich auftauchende Musicalnummern und das konstante „Behind-the-Scenes“-Seherlebnis erinnern einen immer wieder daran, dass hier gerade experimentiert wird. Es gehört dazu, dass irgendwann die Treppe unbequem wird, und dass man sich zwischendrin auch mal langweilt.

Während die erste Episode noch relativ konventionell inszeniert wurde, ist Eisenach in der zweiten Folge aufs Ganze gegangen: Die Absurdität erreicht ihren Höhepunkt, ein flacher Gag jagt den nächsten, das Schauspiel ist gnadenlos überzogen. Was in der ersten Folge angestoßen wurde, wird hier konsequent zu Ende gebracht. Viele der Zuschauer lachen, einige sitzen still da und fragen sich, was das soll. Eine Antwort auf das „Warum?“ ist hier aber nicht zu finden, denn es ging darum, auszutesten, was Theater alles kann und was Kunst vielleicht auch mal tun muss.

Konkreter kann ich auch nicht werden, denn ich habe es auch nicht alles verstanden! Aber das ist egal, ich bin nach der Vorstellung ins Grübeln gekommen und denke auch jetzt noch darüber nach, was eigentlich die Aufgabe von Theater ist und welche Formen es annehmen kann. Dass mache Dinge beim Experimentieren nach hinten losgehen, liegt in der Natur der Sache. Scheitern gehört zum Ausprobieren aber dazu und sorgt dafür, dass alle am Ende weiter kommen. Zu dieser Risikobereitschaft gehört einiges an Willen und künstlerischer Überzeugung und jeden, den das Theater fasziniert, wird das bei Eine Stadt will nach oben sehr schätzen.

Die Folgen 3 + 4 der Theaterserie feiern ihre Premiere am 14. Oktober. Mal sehen, was Regisseur Gordon Kämmerer daraus macht.

Foto: Isabel Winarsch

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