“Die Schändung eines Ortes, das erweitert einen”

Wie viel ist der Tod wert? Wer trägt eigentlich die Verantwortung und wer beobachtet hier wen? Nick Hartnagels Uraufführungsinszenierung von Tod für eins achtzig Geld  von Franziska vom Heede verschwendet keine Zeit viel zu erklären. Alle Erwartungen, die man so mitbringt, kann man gerne an der Garderobe abgeben: Man wird die gesamte Zeit stehen, behandelt wird der Tod und dessen Verwertung.

Die Erzählstruktur überfordert, öffnet und erfindet Räume neu. Wie sehr das einen erweitern kann, zeigt die Bühnensituation: Es gibt keine vierte Wand, nur kleine Podeste, darauf vereinzelt grelle Persönlichkeiten (an denen kann man sich festhalten) und ein gelbes Auto in der Mitte. Drumherum die kontextsuchenden Zuschauer*innen. Wer will einsteigen? Die Mutigen trauen sich direkt in das Auto, in dem Bardo Böhlefeld als Carlo zur kleinen Party lädt. Aber keiner verpasst was: Über dem Auto zu allen Seiten hin große Bildschirme, Live-Übertragung. Es ist jedem selbst überlassen wohin er sieht und aus welcher Perspektive. Ganz nah dran ist man garantiert. Der Livestream als dramaturgisches Bindeglied, als narratives Herzstück, der mediale Voyeurismus wird genussvoll zelebriert. Und das in forderndem Tempo: Zu Beginn werden zwei Geschwisterpaare vorgestellt, was sie verbindet ist ihr sterbender Opa und der ausbleibende Dauerauftrag ihrer Eltern. Also wie jetzt möglichst schnell möglichst viel Geld ranschaffen? Man hängt an Lippen und Augenaufschlag von Amanda (gespielt von Sophie Krauß), die als einzige den letzten Willen des Opas im Sinn hat. Sie gründen eine Firma, der Tod des Opas wird in Profit verwandelt, alles in HD. Wer will, kann sich für Nahtoderfahrungen und gegen das Angstgefühl entscheiden. Unterwegs führt der Chef eines Supermarkts mit Anekdoten durch Raum und Konsumgesellschaft und verwandelt nebenbei Arne von der Mecklenburgischen Seenplatte zum rentablen Mitarbeiter mit arabischer Identität. Mittendrin ist da noch ein Prototyp des homo oeconomicus, der in medialer Berichterstattung, Verantwortung und der roten Grütze seiner Mutter versinkt, obwohl er doch klug und sparsam sein wollte.

Alle Aufmerksamkeit springt von Bildschirm zu Podest zum Auto, zu der Zuschauerin gegenüber, die sich gerade ein Bier an der Bar holt, zu den roten Kugeln am Boden, zum Kameramann und zurück zur Nahaufnahme auf dem Bildschirm. Durch die zerstückelten Sequenzen und die assoziative Erzählweise droht das Stück an manchen Stellen auseinanderzufallen. Doch genau aus dem Subtext wird der großer Ehrgeiz zur Partizipation geweckt. Gut also, dass von Anfang an nicht zu viel erklärt wurde. Die übertroffenen Erwartungen können an der Garderobe abgeholt werden.

Foto: Isabel Machado Rios

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