Making Of Lucky

Zum Besuch bei einer offenen Probe des Tanztheaters Lucky von Felix Landerer

Sie rennt um ihr Leben. Da trifft sie ein Pfeil, und sie bricht zusammen. Sie wird erstochen, und krümmt sich unter Qualen auf dem Boden. Sie zieht sich eine Steilwand hinauf, Stück für Stück, will die Aussicht genießen – und stürzt ab, dreht sich in Pirouetten bis sie auf dem Boden zerschellt.

Felix Landerer, Choreograf und Tänzer, wendet sich von der Szenerie ab und fragt das Publikum: „Was habt ihr gesehen?“ Sie, eine von Felix Landerers Tänzerinnen, erhebt sich schwer atmend vom Boden des Probenraums, und die Zuschauer überlegen. „Den Tod!“, ruft eine Frau. „In all seinen Facetten.“

Es ist Mittwochabend, und etwa 20 Interessierte sind zu der offenen Probe von Felix Landerers Tanztheaterstück Lucky ins Kulturzentrum Faust gekommen. In zwei Wochen ist Premiere und Felix Landerer hat dazu eingeladen, beim Entstehungsprozess der Choreografie dabei zu sein. „Im Theater wird man vor vollendete Tatsachen gestellt: ‚Ok, so sieht jetzt die Bewegung aus, das ist die Musik, oohh das sind aber schöne Menschen.‘ Und davon möchte ich wegkommen.“ erklärt er. „Ich will einen Zuschauer haben, der kritisch ins Theater geht und sich kritisch Tanz anguckt. Und dann auch in eine Auseinandersetzung darüber geht. Das heißt, dass es dann nicht nur darum geht, zu sagen, dass einem die Kostüme nicht gefallen haben, oder man die Musik zu laut fand, sondern dass man sich Gedanken macht: Warum war die Musik so laut? Warum sahen die so aus? Ich will, dass der Zuschauer die Entscheidungen versteht, die man als Künstler trifft. Und die kann ich hier vermitteln.“

In der folgenden Stunde üben die Tänzerinnen und Tänzer einen Teil der Choreografie. Felix erklärt uns, worum es darin geht: Menschen gehen unterschiedlich mit der Gewissheit des eigenen Todes um. Zusammen haben er und seine Tänzer Charaktere entwickelt, die diese verschiedenen „Menschensorten“ darstellen. Karolina Szymura repräsentiert einen verkopften Menschen, der der Angst mit Logik begegnet. Simone Deriu ist ein Charakter, der den Tod eher ins Lächerliche zieht, um das eigene Unbehagen zu überspielen. Und Jean Gabriel Maury ist jemand, der halb Kind / halb Erwachsener ist, und nichts falsch machen möchte. Besonders an der Position „Birdfeed“ feilt Landerer lange. Karolina steht auf einem Bein, Simone hält ihr anderes nach oben und Jean kniet und streckt ihr die Hände entgegen, als würde er ihr ein Geschenk – oder Vogelfutter – anbieten.

„Karolina, mach deine Bewegungen noch präziser, noch klarer und energischer.“ – „Jean, Karolina gibt den Ton an, du folgst ihr nur.“

Immer wieder unterbricht Landerer die Probe und erklärt den Zuschauern Einzelheiten. Zum Beispiel bildet Karolina oftmals mit ihren Armen einen Kreis um ihren Kopf. „Karolina ist ein logisch denkender Charakter, der auf seinen Verstand hört. Um das zu verdeutlichen, stellt man als Choreograf den Kopf in den Mittelpunkt einer Bewegung“. Es sei aber gar nicht unbedingt das Ziel, dass der Zuschauer diese Chiffren dann entschlüsseln könne. „Es ist auch total ok, wenn man den Tanz als schön, skurril, als visuell interessant empfindet. Die Kraft liegt eben nicht darin, etwas zu begreifen, sondern etwas zu erfahren, dabei zu sein. Wie eben Musik auch. Musik bewegt etwas, das in uns verankert ist, weil wir auf Harmonien reagieren, und das gleiche kann beim Tanz auch passieren. Weil wir auch einen Körper haben, weil wir auch ohne es zu wissen auf Körpersprache reagieren. Das heißt, es können sich Inhalte vermitteln, auf einer emotionalen Ebene, die der Kopf nicht versteht. Und das ist die eigentliche Stärke des Tanzes. Dass es eben nicht den Kopf anspricht, sondern etwas anderes.“

Ein anderes Thema beim Tanztheater ist die Musik. Christof Littmann, der schon oft Musik für Produktionen von Landerer&Company geschrieben hat, ist bei der Probe auch anwesend und meint schmunzelnd: „Ich habe noch für kein Stück von Felix so wenig Musik gemacht wie für Lucky.“ Trotzdem liegt eine Menge Arbeit hinter ihm, und auch den Tänzern. Die Musik machen nämlich die Tänzer auf der Bühne mit einer Loop Station. Jetzt erklärt sich auch die Funktion des zum Schlagzeug umgerüsteten Rollators, der in einer Ecke des Probenraums steht. Mit einer Loop Station können Geräusche aufgenommen und dann in Endlosschleife weitergespielt werden, während neue Geräusche aufgenommen werden. Ein Ein-Mann-Orchester in Endlosschleife. „Es ist nicht so, dass die Tänzer im Umgang mit einer Loop Station alle Experten waren. Das war ein ganzes Stück Arbeit.“ Trotzdem trauen sich zwei der Tänzer schon etwas darauf vorzuspielen, auch wenn es an einigen Stellen noch ein wenig hakt. Die Tänzerin lacht peinlich berührt und verschwindet mit rotem Kopf hinter dem Kasten, in dem sich die Loop Station befindet. Eine echt sympathische Truppe, die Felix Landerer um sich geschart hat, und das merken die Zuschauer auch. Und Landerer merkt, dass die Zuschauer das merken: „Ich glaube, dass das Publikum grundsätzlich ein Interesse daran hat mit einem Metier oder in einem Metier zu wachsen.“ Und das Tolle an offenen Proben sei auch: „Es gibt eine andere Identifikation mit uns als Gruppe.“

Am 28. September ist die Premiere von Lucky im Schauspielhaus, und auch eine weitere offene Probe findet noch statt: am 20. September um 18:00 Uhr in der Kunsthalle Faust Hannover.

Und noch ein Tipp vom Choreografen:

Sich im Vorfeld eines Besuchs des Tanztheaters Lucky mit dem Stück Warten auf Godot zu beschäftigen, kann auf keinen Fall schaden. Denn aus diesem Drama stammt die Inspiration für Lucky. Vielleicht einfach mal das Programm durchlesen oder

Tipp von der Autorin:

https://www.youtube.com/watch?v=sLY1589HRbc

Foto: Marc Seestaedt

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