Medea – Unsere dunkle Vergangenheit

Da ist er wieder, denkt man, der Kulturmensch. Man sitzt in der Vorstellung von Medea, die Griechen marschieren in Kolchis, in der Fremde, in der Wildnis, ein. Wieder einmal macht sich der Kulturmensch auf den Weg in die Fremde und in die Finsternis, und man denkt dabei unweigerlich über Kolonialismus nach. Und wie der Kulturmensch nun einmal so ist, legt er dabei seine eigenen Widersprüche frei, denkt man.

Man denkt an Kurtz aus Conrads Herz der Finsternis, weil er unter die Wilden gegangen ist und sie brutal hat abschlachten lassen, so brutal, dass seine Landsleute es nicht mehr zivilisiert fanden. Man denkt an Carl Peters, den „Hänge-Peters“, der als Gründer Deutsch-Ostafrikas gilt. Der die Gesellschaft für deutsche Kolonisation gegründet hat und zwischen 1884 und 1889 eine Fläche von fast 100.000 m², nördlich von Sansibar, besetzt hielt. Der sich ein afrikanisches Mädchen als Mätresse hielt, die aber ein Verhältnis mit einem seiner Diener hatte und die er beide deswegen öffentlich erhängen ließ. Die Folge war ein bewaffneter Aufstand in der Bevölkerung, den Herr Dr. Peters, der Kulturmensch, über mehrere Monate recht blutig hat niederkämpfen lassen. Er wurde danach unehrenhaft verabschiedet, rehabilitiert und im Dritten Reich hin zu einem der geistigen Väter und Helden des Nationalsozialismus stilisiert. Man hört das und denkt sich nicht viel dabei. Man weiß schon, dass das eine schlimme Zeit war damals und die Menschen roh und grausam. In Hannover wurde der Carl-Peters-Platz 1994 umbenannt in Bertha-von-Suttner-Platz, aber der große Gedenkstein ragt immer noch aus der dunklen Erde darunter. Denkmalschutz. Man weiß auch, dass diese Geschichten – und Figuren wie Kurtz, Peters oder eben Medea – uns auf etwas hinweisen, das Jahrtausende älter und dunkler ist als sie selbst. Man weiß, dass sie auf die Finsternis der ersten Tage verweisen, in denen es keine Vernunft und keine Kultur gab, die all das ein wenig bannen konnten. Und man weiß, dass man selbst nicht so ist. Der Kulturmensch von heute weiß das.

Foto: Katrin Ribbe

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