Für eins achtzig ins Uhrwerk Orange

Das bin ich, Inke. Und das ist mein Droog*, Michael. Wir hockten in der Cumberlandschen Milchbar und überlegten uns, was wir mit diesem Abend anfangen sollten. In der Cumberlandschen Milchbar gab es Tod für eins achtzig Geld, Blackfacing und einen Megatrip. Und das erlebten wir hautnah. Das heizt einen an und ist genau richtig, wenn man Bock hat auf ein bisschen ultrabrutale Theater-Action. 

Michael: Als ich in das Auto gestiegen bin, mir der Nebel von unter der Sitzbank süß-modrig in die Nase gekrochen ist und uns der sympathische Verrückte auf dem Fahrersitz mit lila Glatze, irrem Blick zu Neonlicht, dröhnender Musik und Lowrider-Gewippe begrüßt hat, hab ich mich gefühlt wie in einem Uber-Taxi-Horrortrip direkt in ein Uhrwerk Orange-Paralleluniversum, in dem alle Regeln der Vernunft im immersiven Overload untergehen.
Inke: Well, well… Ich bin ehrlich gesagt ganz dankbar dafür, dass du mich genötigt hast, ebenfalls in das Auto zu steigen, weil ich der Partizipation durch Interaktion prinzipiell eher skeptisch gegenüberstehe. Es war schon ziemlich nah und ich habe während der gesamten Fahrt darüber nachgedacht, ob wir nicht nur durch die Scheiben sondern auch über die Screens für alle sichtbar sind – und ob ich mich richtig verhalte.

Michael: Richtiges Verhalten finde ich ein gutes Stichwort. Das gesamte Setting war beeindruckend, die Schauspieler*innen haben mich alle durchweg gecatched, die Raumsituation und die multimediale, effekthaschende, fragmentarische Inszenierung war für mich Reizüberflutung und Faszination pur. Ich habe mich aber auch dabei erwischt, einige Aspekte, Gedankengänge und Assoziationen aufgeschoben zu haben, um mit dem hohen Tempo mithalten zu können. Meiner Meinung nach hat die Inszenierung viele Grenzüberschreitungen forciert, über die ich erst im Nachhinein reflektieren konnte. Stichwort Nutella-Blackfacing…

Inke: Schmierige Angelegenheit…  Mein Theaterstudentinnen-Ich hat beim Anblick des Nutellaglases gedanklich schon die Augenbrauen hochgezogen, die Lippen geschürzt und nach kritischen Texten anerkannter Wissenschaftler*innen oder Philosoph*innen – im Zweifelsfall immer Foucault – gesucht. Ich habe mich gefragt, ob ein anderes Material die Situation verändert hätte. Also wenn der Schauspieler sich eine plastische Maske aufsetzen würde, anstatt sein Gesicht vor den Zuschauenden selbst mit Nutella einzuschmieren.

Michael: Festzuhalten ist ja, dass das Blackfacing in der Narration gerahmt wurde, also quasi von einer Figur angeleiert wurde, die einen Mehrwert aus dem Fremden schlagen möchte. Mir stellt sich aber die Frage: Sind wir als deutsche Theaterlandschaft schon so erhaben über diese nur größtenteils vergangene rassistische Inszenierungspraxis, dass eine simple Zwischenebene den Tabubruch wieder egalisiert und in kritischen Kontext setzt? „Negative Fixierung bleibt eine Fixierung“ heißt es ja im Programmheft… Aber Grenzüberschreitungen aus kapitalistischer Motivation, zum Überleben im Wettbewerb, ist ja als eines der zentralen Themen des Stückes ausgewiesen. Alles wird online ausgestellt und verkauft, selbst Schlaf, Schlafes Bruder oder der eigene Großvater. Für mich hat Tod für eins achtzig Geld jedenfalls das geschafft, was für mich Theater ausmacht: Es hat mich gepackt, in einem Seat durchgerüttelt und zum Nachdenken angeregt. Diskurs als Trip, schonungslos und grenzwertig.

*Droog: Kumpel oder Freund im fiktiven Jugendjargon Nadsat

Foto: Isabel Machado Rios

 

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