Von der Sehnsucht nach einem größeren Gedanken

Ein Gespräch mit Schauspielerin Katja Gaudard über die Rolle der Medea in der Inszenierung von Tom Kühnel am Schauspiel Hannover.

Katja, du bist schon seit der Spielzeit 2011/2012 hier am Schauspiel Hannover…

Katja Gaudard: Ich glaube, ja. (lacht)

…und du hast schon einige eindrucksvolle Rollen gespielt, wie bereitest du dich generell auf Figuren vor?

Gaudard: Das ist eigentlich bei jeder Rolle unterschiedlich, weil es ja auch von den Regisseuren abhängt. Aber das Schönste für mich ist, wenn ich es früh weiß, sodass ich die Rolle mit mir herumtragen kann. Allem, dem man dann begegnet, oder was man dann erlebt, verknüpft man und versteht, in was für einer Situation diese Figur ist. Ich versuche natürlich erst zu begreifen, was der Autor geschrieben hat. Versuche zu verstehen in welchen Situationen die besagte Figur steckt. Ich sammle. Ich mache einen Topf mit Assoziationen oder Bildern auf, die mir beim Lesen begegnen. Das versuche ich dann aber für die Probe zu vergessen, um dann zu gucken, was mit den Kollegen passiert, was für Ideen der Regisseur hat und wie wir da zusammenkommen.

Sodass man weiter offen bleibt?

Gaudard: Dass man total offen bleibt, aber auch ganz viel sammelt. Das sind die zwei Hauptpunkte.

Wie war das bei Medea, was hast du assoziiert, gedacht und gelesen?

Gaudard: Bei Medea war das Spannende, dass es ja so viele Varianten gibt und der Stoff so viel bearbeitet worden ist. Als ich die Euripides-Fassung gelesen habe, war ich so geflasht, weil es so modern und kraftvoll ist. Dann habe ich das verglichen mit Grillparzer, dessen Fassung mir mehr wie ein Märchen vorkam. Besonders die ersten zwei Teile, der letzte nicht. Und es gibt ja noch viele, viele andere Bearbeitungen. Durch diese verschiedenen Varianten habe ich mich durchgelesen und fand es interessant, dass man immer das Gefühl hat: Oh Gott! In diese arme Figur wird so viel hineininterpretiert. Aber dann gehe ich auch wieder gleich vor: Wie fühlt sich das für mich selbst an, wenn ich in dieser Situation wäre? Man übernimmt die Anwaltschaft für seine Figur.

Gab es bei Medea eine große Herausforderung in der Vorbereitung, an der du lange herum gedacht hast, über die du viel diskutiert hast mit dem Regisseur und auch den Kollegen?

Gaudard: Es gibt mehrere Punkte über die man diskutiert, wenn man seinem Bauchgefühl folgt, und der andere vielleicht ein anderes hat. Und trotzdem, ich fand sie so schön: Diese Setzung, das Ritualhafte. Und dass der Kindstod nicht als ein von einer Furie gesteuertes Abschlachten der Kinder gelesen wird, sondern eine gewisse Schönheit innehat, ein „es wieder in Ordnung bringen“. Da sind wir uns einig gewesen. Das hat mich so gefreut! Ich denke, dass hinter dem Kopfmäßigen auch eine andere Sichtweise liegt, was Leben und Sterben bedeutet. Also wenn man es ein bisschen archaischer sieht oder von der mythischen Figur ausgeht. Wir haben uns sehr mit der Mythisierung der Figur beschäftigt.

Du meintest ja schon, dass dir die Thematik von Euripides sehr aktuell schien, welche Aspekte waren das, die dir da besonders aufgefallen sind?

Gaudard: Bei Euripides beginnt die Erzählung erst in Korinth. Da liegt es nahe, dass man eine Fantasie entwickelt und sich fragt, was vorher alles zwischen den beiden war. Was ich total spannend finde, weil man nicht so richtig weiß, wer Recht hat und wer nicht. Und wer jetzt die Vergangenheit so oder so deutet. In einem modernen Streit würde man sagen: Nee, ich habe das völlig anders gemeint, als das damals war. Man hat eine andere Sichtweise. Und bei Euripides hat es mich erstmal geflasht, dass es um die Rolle der Frau geht. Ich bin aber auch froh, dass das bei Grillparzer nicht das Grundthema ist, sondern da jemand um eine individuelle Entscheidung kämpft. Weil man über diesen Menschen die ganze Zeit alles Mögliche sagt: Was ist sie? Sie zaubert? Oh, eine Furie! Vielleicht stellt man dem etwas entgegen und entspricht dem nicht. Aber das ist dann auch der Reiz, dass wir drei verschiedene Medeen sind. Und sich jede etwas anderes zurückholt.

Wenn man sich mehr mit Euripides beschäftigt, fällt die Rolle der Frau besonders auf, ihr wird extrem viel zugeschrieben. Du schlägst einen weiblichen Blick auf die Rolle vor?

Gaudard: Ich bin in der Zwischenzeit gar nicht mehr sicher, ob es der weibliche Blick ist. Bei Euripides geht es sehr viel darum. Der Chor hadert auch damit, was die Rolle der Frau ist. Was steht ihr zu und was nicht? Aber auch die Auseinandersetzungen mit Jason sind sehr argumentativ! Das war vielleicht der erste Gedanke, wenn man dann Grillparzer gelesen hat: Ja das ist ganz schön, aber wie er Medea vorstellt, ist unfassbar romantisiert. Das wurde hier auch gut gestrichen. Dass da nicht immer eine beleidigte Ehefrau sitzt. Dass es nicht darum geht, dass sie reaktiv ist, sondern dass jemand seine Sache in seiner Art in Ordnung bringt. Und nicht nur, weil er gekränkt ist, sondern weil er sich so entscheidet. Es ist größer! Medea ist nicht nur das beleidigte Heimchen, das verlassen wird.  Es ist mehr als „Oh Gott, ich bin verlassen und du hattest es versprochen.“ Und bei Grillparzer wiederholt sich das ja so oft, dieser Vorwurf an ihn: „Aber du hast doch..!“ So etwas zu spielen ist immer schwierig, weil solche Figuren einem schnell auf den Senkel gehen. Wenn du immer nur so dasitzt als lebendiger Vorwurf. Wenn es konsequent ist, kannst du das natürlich auch machen. Ich glaube aber, dass Grillparzer auch noch ganz viel anderes reingeschrieben hat. Das habe ich dann mit der Zeit entdecken dürfen. Und das war vielleicht eines der Probleme: Wie eignet man sich diese Sprache an? Das ist total entdeckungsreich, wenn man plötzlich merkt: Der hat da wirklich was versucht! Versucht zu verstehen. Aber man denkt immer: Das ist ein Mann, der sich vorstellt, wie eine Frau fühlt.

Gibt es einen Satz, der für dich besonders heraussticht?

Gaudard: In dem Moment, indem ich mich selbst wieder etwas zurückschrauben muss. Wenn Medea ihre Vergangenheit begräbt und einen Neuanfang wagt. Da sagt sie einen Satz, in dem Fall ist es Carolin Haupt, die ihn spricht: „Und ich werfe mich dem Mann, ein schutzlos und hilfebedürftiges Weib, in den Arm – als Ehefrau wird er mich annehmen.“ Sie sagt nicht: Ich mache jetzt voll auf Ehefrau, sondern: Ich mache mich total nackt. Hilflos und schutzlos. Ich probiere wirklich etwas abzulegen, ich liefere mich dem jetzt aus. Dieser neuen Situation.

Eine Thematik, die Tom Kühnel betont hat, ist der Zusammenprall der Denkmodelle, der auf der Bühne passiert. Wie habt ihr euch dem angenähert?

Gaudard: Ich glaube, das hat sich durch das Ändern des Textes selber ergeben. Der Grieche mit seiner Auffassung davon was ein Lebensentwurf ist. Er muss Status haben, es muss ihm gut gehen. Und dann diese alte Welt, in der das Ritual so wichtig ist. Und in der es eine andere Art von Ordnung gibt, in der auch das Opfer oder das Töten anders bewertet wird. Das hat sich sehr erschlossen durch diese Verknappung, die Tom Kühnel vorgenommen hat. Und dadurch wie er die Figuren aufeinander losgelassen hat. Wie er den Jason geführt hat, in seinem Elend.

Diskutiert man über Jasons Handlungen, wird von der männlichen Perspektive oft genau diese typische Verletztheit des männlichen Egos gar nicht gesehen…

Gaudard: Oh echt, hast du mit Männern darüber diskutiert?

Es gibt unterschiedliche Wahrnehmungen darüber, die ja auch sehr spannend sind.

Gaudard: Das ist ja interessant! Ich denke, es ist so klar, dass dieser Typ sagt: „Ich komme in ein Land und das gehört mir jetzt.“ Das ist ja schon bei Phryxus so, die Griechen mit diesem Kolonialismus, mit diesem: „Kriege ich es nicht, dann nehme ich es mir mit Gewalt! Das steht mir einfach zu, ich bin der Macker hier!“

Und dann auch das gefühlte Elend, wenn man etwas nicht mehr hat, was man früher hatte und deswegen denkt, dass es einem doch zusteht.

Gaudard: Gott, ich war mal so beliebt! Ja! (lacht) Das versteht man ja auch. Verdammt, wo ist das alles hin? Es geht um das Besitz ergreifen und Kontrolle haben.

Und es geht um ihn…

Gaudard: Ja. (lacht) Das will ich ja auch gar nicht den Männern generell zuschreiben, aber es ist nun mal schon so geschrieben. Und wenn man in die Weltgeschichte und in die Politik schaut, sieht man auch genau dieses Denken, was ziemlich viel Desaster anrichtet.

Anfangs scheint Medea viel nach den Erwartungen ihres Vaters und dann nach Jason zu handeln. Welche Erwartungen hat deine Medea an sich selbst? Kann der Mord an den Kindern auch als Emanzipation gelesen werden?

Gaudard: Also ich sehe es ein bisschen anders, auch bei Grillparzer. Wenn man den Text ganz durchliest merkt man, dass Medea von Anfang an viel, viel klüger ist. Sie hat schon sehr früh um Emanzipation gekämpft. Um das Individuum. Hat sich mit dem Vater überworfen und sagt, komm lass mich meinen Weg gehen, denn ich bin damit nicht einverstanden. Aber dann kommt die Liebe dazwischen. Und dann ist da noch dieses Vlies, das wieder zurück muss… Das ist eine logische Kausalkette. Später geht dann alles so schnell, Jason schlägt sich auf die andere Seite, Kreon sagt plötzlich, Jason heiratet jetzt meine Tochter, und die Kinder bleiben hier. Medea versucht, ihre Würde zurückzuholen, aber auch Jason zu überzeugen: Wir sind doch andere, wir haben anderes erlebt zusammen!

In der Inszenierung trittst du auch als Maria Callas auf. Callas hat im Film von Pasolini die Medea gespielt hat. Was verbindet die beiden Figuren?

Gaudard: Eigentlich verbinde ich mich viel mehr mit Callas als mit der Medeafigur, die sie gespielt hat. Wobei ich es gewaltig finde, was sie da macht. Grandios, schon bevor sie etwas ausgesprochen hat. Sie guckt sich diese Rituale in der alten Welt an und denkt: Das ist irgendwie vorbei, es wird etwas anderes kommen. Das sieht man schon alleine an ihrem Blick! Das ist irre. Und die Callas ist in dem Sinne faszinierend, weil auch sie zu einer Göttlichkeit, zu einer Diva stilisiert wird. Und man auch alles Mögliche in diese Frau hineindeutet. Ah, jetzt nimmt sie ab! Und jetzt ist sie verliebt, jetzt kann sie wahrscheinlich nicht mehr gut singen! Das ist auch Mythenbildung. Und sie selbst versucht zwar noch zu sagen, ich hasse diese Kämpfe, aber na gut, dann führe ich sie eben! Und das beschreibt auch ganz viel von dem, was Medea erlebt. Was ich persönlich so toll finde ist, dass sie auch einen größeren Gedanken, eine Sehnsucht hat. Nach einer Schönheit, nach einer künstlerischen Schönheit, nach einer Schönheit des Menschen. Wenn sie singt, das ist groß! Größer als das Piefige, diese Entwürdigung des Menschen. Das finde ich ganz toll! Das hat mir persönlich viel gegeben, man kämpft um eine Würde.

Woran arbeitest du gerade? Was kommt als nächstes?

Gaudard: Es geht gerade ein bisschen ab! Jetzt habe ich noch Tartuffe übernehmen müssen, aber jetzt haben wir vor allem den Entertainer, das ist auch ein irre Stück.

Zum Schluss: Wie fühlt es sich an, so viele Gitarren zu zertrümmern?

Gaudard: Geil. Oh, es ist toll! Einmal ein bisschen Rockstar sein. Bäm! Ist super. Ich finde schon, dass Gitarren heilig sind, wenn sie gut gespielt werden. Hätte da jetzt Jimi Hendrix drauf gespielt, dann hätte ich eine andere Ehrfurcht davor und würde es wahrscheinlich nicht machen. Aber da sie vorher quasi nur von Kreusa gespielt wurde, denkt Medea: Ist ja nur ein Instrument, ein dummes Instrument, nur Materie, komm! Geil, hau drauf!

Foto: Katrin Ribbe

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