Glück im Spiel, Pech im Leben…?

Zwischen literweise Bier, Kotze und Schamgefühl widmet sich Hool einer existenziellen Frage: Was lässt uns zu dem werden, was wir sind? Vergiftete emotionale Kompetenzen im Passspiel mit destruktiver Männlichkeit. Anpfiff.

Hool öffnet das Tor zur Trostlosigkeit einer testosterongeladenen Parallelwelt und zeigt uns das Schicksal prekärer Existenzen: Im Mittelpunkt steht Heiko, zu dem die Bezeichnung Fan” nicht so recht passen mag. Er ist ein Hool, sein Match findet außerhalb des Spielfeldes statt, Schiedsrichter gibt es dort nicht. Überraschenderweise spielt Fußball am Premieren-Samstag sowieso die kleinste Rolle.

Vielmehr geht es um die große Frage nach dem Grund dafür, dass ein junger Mann seinen Lebensweg im Takt prasselnder Fäuste beschreitet, begleitet von Knochenbrüchen und Krankenwagen-Sirenen. Ich muss zwanghaft analysieren. Was ist das Erfüllende am Gefühl von geronnenem Blut an den Fingern? Jemandem zuzuschreiben, Gewalt aus purer, einfacher Freude derselbigen zu betreiben, erscheint unzulässig. Ist es die Überwindung von Angst, die antreibt? Oder dieses Gefühl, das immer kommt, bevor es abgeht”? Episodenhaft wird Heikos Leben auseinandergenommen, bruchstückhaft, die Teile setzen sich nur langsam wieder zusammen. Ich fühle mich wie in der Visualisierung einer Psychotherapie, Erzählung als analytisches Mittel. Kopfkino pur, brachiale Gewalt als auditives Element. Zwischen Alkoholiker-Vaddern, vertrauensbrechendem Onkel und abwesender Mutter, scheint die einzige Konstante in Heikos Leben nur das Fresse polieren von Braunschweiger Ärschen zu sein. Penibel wird geplant, organisiert, hingefiebert.

Eine Episode aus Heikos Kindheit: Heile Welt im Hannover 96 Stadion, Cola und Bockwurst als Festmahl. Die starken Schultern des Onkels bieten das, was er im Erwachsenenleben zu suchen scheint: Halt und Zugehörigkeit. Mit Vaters 96-Weste ist das Bild perfekt. Eine romanisierte Erinnerung in einer Realität aus Körperflüssigkeiten und ewigen Enttäuschungen. Ich möchte Heiko anschreien, seinen Sprachduktus aufnehmen, ihm: Verdammte Hacke, die ganze Scheiße kann doch niemand aushalten! Mach dein Maul auf und rede drüber, du Pseudo-Macho!” ins Gesicht brüllen. Hypermaskulinität und toxische Männlichkeit dominieren die Welt, in der alle trauern, aber keiner reden kann. Kränkungen und Ängste zerlaufen wie schale Bierreste in das versiffte Sofa. Sexistische Kackscheiße, will ich brüllen! Boys can fucking cry. Heiko erzählt, trotzdem spürt man seine Sprachlosigkeit. Jetzt will auch ich Fressen polieren, am liebsten würde ich James Bond und Trump in den Arsch treten.

Abpfiff. Mit dem Applaus fällt die Anspannung. Zurück in einer Welt, die doch gar nicht mehr so weit weg von der Heikos zu sein scheint, bleibt die Wut, die Wut auf Geschlechterrollen und unangenehme Maskulinität. Der Ansatz für das Verstehen nach der Suche eines Ventils. Am Bahnhofskiosk kaufe ich ein Dosenbier.

Foto: Katrin Ribbe

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