Kabale & Liebe oder: Tanz der Satire

„Ich habe mit Kabale und Liebe noch eine Rechnung offen.”

Das waren die Worte, mit denen ich meine einstmalige Deutschlehrerin konsultierte, in der Hoffnung, sie könnte mir helfen, aus meiner Schreibblockade auszubrechen. Ironischerweise hatte Friedrich Schillers Stück wohl auch seine ganz eigene Rechnung mit mir zu begleichen. Wie wohl so viele von uns, hatte ich in meiner Schulzeit das Vergnügen, mich mit dem bürgerlichen Trauerspiel, dieser stürmischen und ach so tragischen persönlichen Kritik Schillers an dem geradezu blutsaugerischen Adel auseinanderzusetzen. Wenn Sie eine Spur von Ironie in diesem Satz gefunden haben wollen, dann kann ich Ihnen versichern, dass Sie ein gutes Gespür besitzen (und meinen Einleitungssatz wohl nicht überlesen haben). Kabale und Liebe ist besonders im Kontext seiner Zeit und für Schiller selbst, der die Willkür des Adels am eigenen Leibe erfahren hatte, ein bedeutendes Werk, von der bildgewaltigen Sprache des Autors, die heute noch Germanistik-begeisterten Pennälern feuchte Träume bereitet, ganz zu schweigen. Mir lag damals wie heute aber eine Frage schwer auf dem Herzen, schwer genug, um diesem Stück Theaterliteratur trotzig gegenüber zu stehen.

Welche Bedeutung, welche Berechtigung hat Kabale und Liebe stellvertretend für das Genre des bürgerlichen Trauerspiels heute noch? Aus diesem Grund war von vornherein klar, zu der Inszenierung von Regisseur Jan Friedrich werde ich keine Rezension geben, diese Aufgabe wurde von meinen Kollegen michaelgeisselbrecht ohnehin schon fantastisch bewältigt.

Fakt ist doch, der große Graben zwischen Adel und Bürgertum, der zu Schillers Zeiten Anlass zu seiner Kritik bot – noch ehe der Konflikt während der französischen Revolution eskalierte –, existiert nicht mehr. Auch der Glaube an einen christlichen Gott, der in Friedrichs Inszenierung durch mehr oder minder unterschwellige Symbolismen und  selbstvertändlich in Luises bürgerlich-frommen Pflichtbewusstsein allgegenwärtig ist, spielt heutzutage kaum noch eine Rolle.

Mit der Erwartung, eine moderne Umsetzung des Stoffes und eine Antwort auf meine Frage zu bekommen, besuchte ich also diese Neuinterpretation des Jungen Schauspiels. Was ich sehen sollte, war eine fast schon traditionelle Umsetzung des Stückes und dem spaßigen Einfall, den “blutsaugerischen Adel” beim Wort zu nehmen und ihn mit Vampiren gleichzustellen. Sprachlos stand ich da. Meine Prämisse, in sich zusammengesunken wie ein Kartenhaus. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin ein Fan dieser einfallsreichen und vor allen Dingen unterhaltsamen Adaption. Aber wozu in Situationskomik verlieren? Warum überspitzte Metaphern (bzw. Zähne) und treudoofe Idioten, mit Strapsen und gefaktem Akzent bewaffnet, einwerfen? Weshalb entzieht man sich dem Versuch an einer zeitgemäßen Umsetzung und flieht in die Parodie?

Warum fliehen wir uns in die Parodie?

Ein ähnlicher Trend ist vor geraumer Zeit auch in unsere Kinos eingezogen. Statt ikonischer Heroen, die als Produkt ihrer eigenen jeweiligen Ära verstanden werden sollten, sehen wir mehrfach im Jahr weichgespülte Superhelden-Blockbuster ohne viel Inhalt. Das Genre verliert sich in einer Parodie auf das eigene Genre.

Die Neuinszenierung von Kabale und Liebe ist jedoch keineswegs weichgespült und trifft immer noch die Kernaussage Schillers. Schade ist nur: Eben diese ist heute nicht mehr von Geltung. Man mag damit argumentieren, dass heute die Schere zwischen arm und reich immer größer wird. Insgeheim verbleiben die meisten von uns aber noch in einer stabilen Mitte. Wir sind weit davon entfernt, der Willkür des Adels ausgeliefert zu sein, auch wenn manch einer der Politik etwas anderes vorwerfen möchte.

Uns geht es nicht schlecht genug für eine ernsthafte Umsetzung; die Inszenierung von Friedrich verschont uns von der Gesellschaftskritik, indem nebst parodistischen Nuancen andere Techniken nach Art des Brecht’schen Theaters, wie etwa die ausgefallenen Kostüme, das verzerrte Live-Kamerabild, ein über-emotionaler Ferdinand von Walter und eine kontrastiert beinahe schon langweilig anmutende Luise Millerin und nicht zuletzt die blutige Vampir-Matapher (Stichwort: Tampon im Glas) uns immer wieder bewusst werden lassen, dass dieses Theaterstück heute vielleicht schon veraltet ist. Es geht uns nicht schlecht genug für eine ernsthafte Umsetzung, aber auch nicht gut genug für eine vollkommene Persiflage.

Kabale und Liebe verweigert sich damit nicht einem modernen Interpretationsansatz, sondern hilft uns im Gegenteil dabei, Rückschlüsse auf die eigenen Sehgewohnheiten zu ziehen. Eine Parodie gibt es immer dann, wenn man des Alten, immer wieder durchgekauten Stoffes überdrüssig geworden ist. So entstanden aus dem ausgelutschten Vampir-Horror der 1950er Jahre Satiren, wie Polańskis überzogenem Tanz der Vampire, den mir meine frühere Deutschlehrerin als Interpretationsschlüssel ans Herz legte. Neue, sich selbst ernstnehmende Ansätze wie Twilight laufen Gefahr, albern zu wirken. Eine Parodie läuft auf schmalem Grat. Eine Parodie soll unterhalten, damit wir nicht denken müssen, und regt uns vielleicht doch mehr zum Nachdenken an, als der heutzutage schwer zugängliche Stoff. Sie hat Berechtigung.

Chapeau, Kabale und Liebe. Unsere Rechnung ist beglichen.

Foto: Isabel Machado Rios

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