Dear Diary #1 – 1917

Freitag 20:10 Uhr

Im Moment kommt irgendwie alles zusammen: Bundestagswahl mit traurigen Ergebnissen für die AfD insbesondere in Ostdeutschland. Sonntag also die Jubiläumsausgabe von 1917 zu 100 Jahre Oktoberrevolution. Dann am Dienstag Tag der Deutschen Einheit und abends läuft auch noch „Good Bye, Lenin“ im Fernsehen… Ja Himmel, dann reden wir halt über den Sozialismus, ist ja gut!

Sonntag 18:30 Uhr – Tag der Aufführung, 1917 um 19:30 Uhr im Schauspielhaus

Jau, erste Bahn verpasst, läuft. Ich bin ehrlich: Ich bin ein Kind des Westens. Ich spiele Basketball, ich will nach Hollywood, ich wähle FDP. Ich finde schon, dass Sozialismus falsch, vielleicht sogar böse ist.

Aber ich liebe Geschichte und habe eine starke Faszination dafür zu verstehen, was die Menschen „im Ostblock“ bewegt hat. Ob sich Kapitalismus und Sozialismus wirklich so unversöhnlich gegenüberstehen. Ob Sozialismus wirklich so schlecht ist. Warum Erschießungen, Unterdrückung des Einzelnen und die Stasi für dieses System notwendig waren. Und ich steh‘ auf Theater, also Win-Win. Dann wollen wir mal.

Sonntag 22:33 Uhr – 3 Minuten nach Aufführungsende

Hammer! Supergeiles Theater! So stelle ich mir das vor. Das Ding hatte einfach alles, was Laune macht: Die erste Hälfte komplett als Musical. Lenin, der auf einmal „Sunday, bloody Sunday“ covert, ein MEGA-Bühnenbild, witzige Video-Einspieler, eine LIVE Green-Screen-Tricktechnik-Montage und und und!!

Ein Rundumgriff in die Theaterspielkiste, sehr frisch, gute Unterhaltung, großer Spaß!

(Macht auch nichts, dass die Schauspieler nicht unbedingt Sänger sind) Für mich hat hier Regisseur Tom Kühnel und das ganze Ensemble vom Chor bis hin zur Videokünstlerin richtig abgeliefert!

Sonntag 22:47 Uhr

Eine Sache verstehe ich aber dann doch nicht, warum wurde das Stück so leicht, so – albern inszeniert? Ich mein‘ – Lenin erfährt von der Abdankung des Zaren, während er Fondue in sich reinschaufelt, die Mutter von Zar Nikolaus wird damit parodiert, das man sie „Bohemien Rhapsody“ von Queen singen lässt…kommste drauf, oder?  Das Stück mit „Mammmaaaa uuoihuuuu“ von… Queen… singt die Mutter vom König… Wahnsinnsgag! Wirklich, wirklich lustig!

[bei Revision stelle ich gerade fest, dass das alles vollkommen unverständlich ist, wenn man nicht weiß, was 1917 passiert ist. Großes Sorry dafür, habe aber jetzt nur mäßig Bock das noch mit reinzunehmen. Hier geht’s zu Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Oktoberrevolution have fun and come back!]

Mein Punkt ist, dass sich das ganze Stück angefühlt hat, wie eine große Party auf den Sozialismus. Insbesondere in einem kurzen Einschub vor der Pause wurde Lenin geradezu abgefeiert, seine Idee, seine Konzentration auf die Revolution und ob das alles nicht im Ansatz eigentlich ganz richtig war.

Und Sorry, aber das finde ich echt ein bisschen gefährlich! Weil für mich verharmlost das die Verbrechen, die die Sowjetrepublik und die DDR im Namen des Sozialismus begangen haben. Das fängt bei Erschießungen von „Verrätern“ an und hört bei der Stasi, der Mauer und dem Todesstreifen auf.

Montag 0:51 Uhr

Ich will natürlich nicht sagen, dass 1917 diese Verbrechen gegen die Menschenrechte gut heißt. NATÜRLICH NICHT! Aber Theater ist Kunst und Kunst regt zum Diskutieren an, also reden wir doch mal darüber:

Ich verstehe, warum man das Konzept des Sozialismus gut findet! Das Bestreben, dass man von ehrlicher Arbeit leben kann, dass es gerecht zugeht, dass niemand unwürdig leben muss, das sind alles edle Motive!

Das Problem für mich liegt in der Umsetzung. Sozialismus funktioniert nur dann, wenn sich alle dem Kollektiv unterordnen, ihre Individualität zurückstellen. Solange das die Leute freiwillig und voller Überzeugung machen, ist das auch vollkommen in Ordnung. Problematisch wird es nur dann, wenn da einige nicht mitziehen wollen – und dann?

Kapitalismus beutet Menschen aus, einige profitieren, andere nicht. Das ist in jedem Einzelfall scheiße, aber dieses System ist demokratisch. Es verlangt den Wettbewerb und das setzt die Freiheit des Einzelnen und gleiche Rechte voraus.

Das macht es nicht perfekt, aber für mich ist der individuelle Freiraum und Demokratie das Wichtigste und ein absolutes Glück, dass wir das haben. Und aus dem Grund kann ich kein System gutheißen, das mir diese Grundrechte nicht einräumt.

Aber wie gesagt, ich lasse mich gerne überzeugen, also warten wir mal den Dienstag ab.

Dienstag 19:30 Uhr

Karma is a bitch! Gerade auf Deutschlandfunk Nova einen Beitrag über die Stasi-Verhörmethoden gehört… als wolle Jemand nicht, dass ich in meiner Beurteilung frei und unvoreingenommen bin…

Dienstag 20:15 Uhr – Good bye, Lenin startet auf 3Sat.

Ok, Good bye, Lenin, mal gucken was du kannst…

Dienstag 22:10 Uhr – kurz nach Good Gye, Lenin

Hmm… damn it! Erstmal Superfilm, Hammerende und „Auferstanden aus Ruinen“ ist einfach ein geiler Song, da kannst du sagen was du willst!

Aber ich glaube, ich habe verstanden, ein bisschen. Die Einigkeit war für viele ehemalige DDR-Bürger damals schon ein heftiger Identitätsraub. Alles, woran man einmal vielleicht geglaubt hat, viele positive Erfahrungen, die es sicherlich gegeben hat, waren vom einen auf den anderen Tag ungültig, ja vielleicht sogar falsch.

Dienstag 22:13 Uhr

Kleine Anmerkung, ich schreibe das hier gerade während ich nochmal „Auferstanden aus Ruinen“ höre (ich habe einfach immer noch einen Ohrwurm). Man stelle sich das Folgende also zu pathetischer Musik vor:

Obgleich ich finde, dass der Sozialismus im Gegensatz zum Kapitalismus die Falsche, wenn nicht sogar die gefährlichere Gesellschaftsform ist, so darf man nicht die Anhänger des jeweils anderen schlecht und runtermachen.

Sowohl der Westen, als auch der Osten leben bzw. lebten nach geplatzten Lebensträumen. Amerikaner berufen sich auf den American Dream – obgleich dieser nicht existiert und vielleicht sogar niemals existiert hat. Die Möglichkeit, sich durch eigene Hände Arbeit ein besseres Leben zu verschaffen, erfüllt sich im puren Kapitalismus genauso selten wie im Sozialismus.

„Durch eigene Hände Arbeit“. Letzten Endes wollen doch alle das gleiche: Sich selbst, der Familie und seinen Mitmenschen ein zufriedenes und würdevolles Leben ermöglichen. Nur der Weg dorthin kann, wie eigentlich bei allem, nicht in den Extremen liegen:

Weder ganz links, noch ganz rechts, weder Sozialismus noch Marktwirtschaft ist die Antwort, es ist der Kompromiss:

Der „Marktwismus“.

Oder nennen wir das doch soziale Marktwirtschaft, das klingt viel besser.

1917 – Eine Revolutionsrevue von Tom Kühnel.
Wieder am 10.10. und 02.11. im Schauspielhaus.

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