Alle tanzen mit dem Tod

Lucky von Felix Landerer & Company im Schauspiel Hannover

Zu erstmal: Wir werden sterben.
Die Männer ein bisschen früher, die Frauen ein bisschen später, im Durchschnitt mit 75 Jahren, an Herzversagen, Krebs, Lungenentzündung oder beim Fensterputzen, weil die Leiter umfällt.
Um das „Irgendwann verrottet mein Körper unter der Erde und ich bin dann nichts“-Problem soweit wie möglich erträglich zu machen, ignorieren wir es ganz einfach. Fahren Motorrad und rauchen, weil wir Rebellen sind und uns der Tod mal kann. Oder wir erkennen schlichtweg seine Existenz nicht an und sind Christen und glauben an den Himmel, oder Hinduisten und glauben an die Wiedergeburt, oder träumen von Gott und 99 Jungfrauen. Wenn nicht, würden wir ja auch alle depressiv.

Und dann gibt es natürlich die Künstler, die die Menschheit nicht in ihrem weichen Bett aus Ignoranz liegen lassen können, sondern sich auseinandersetzen.
Und deswegen gibt es das Tanztheaterstück Lucky.
Gott sei dank beschäftig sich das Stück auf die einzige erträgliche Art und Weise mit besagtem schweren Stoff: Mit einer gehörigen Schippe Humor!

Lucky ist ein Tanztheaterstück, das heißt, es wird fast vollständig auf Sprache verzichtet. Inhalte, Themen etc. werden lediglich über Bewegung und Mimik an den Zuschauer übermittelt. Deswegen ist es auch ein bisschen schwierig, den Inhalt zu beschreiben. Ich versuche es trotzdem: Lucky handelt vom Warten auf den Tod. Ich habe eine offene Probe besucht, zu der Felix Landerer, der Choreograf von Lucky, geladen hatte, und das hat mir auf jeden Fall geholfen, dem roten Faden, der sich durch das Stück zieht, zu folgen. Alle Menschen werden sterben, und alle Menschen wissen das auch. Wie gehen Menschen damit um? Felix Landerer inszeniert eine Begegnung: In einem kahlen Raum zwischen zwei Türen, der „The Beginning“- und der „The End“-Tür, treffen fünf Menschen auf den Tod – präsentiert durch eine Tänzerin im Skelett-Shirt. Und dann?

Was folgt, hat eine gewisse Komik: Die Menschen weichen dem Tod aus, ducken sich weg, halten sich die Augen zu, um ihm nicht mehr ins Gesicht blicken zu müssen. Der Tod schreitet gebieterisch mit festem Schritt über die Bühne, scheucht die anderen von einer Ecke in die nächste, die Charaktere weichen ihm tänzelnd aus oder veralbern ihn (und schrumpfen in sich zusammen, wenn sie ertappt werden).

Was lustig aussieht und dem ein oder anderen Zuschauer ein Lachen entlockt, ist eigentlich sehr tief gehend.  Karikaturistisch überzeichnet wird dargestellt, wie viel Macht die Menschen dem Tod über ihr Leben geben, weil sie so viel Angst vor ihm haben.

Sehr beunruhigt hat mich die alte Frau mit dem Blumenstrauß im Schoß, die hinter der Szenerie, hinter einer halbdurchsichtigen Wand, auf einem Stuhl im Halbdunkel sitzt, und langsam eine Blume nach der anderen auf den Boden gleiten lässt. Wie die Zeit, die ständig fortschreitet, egal was sich auf der Bühne abspielt, eine Blume nach der anderen fällt auf den Boden.

Die Zeit buchstäblich im Nacken wird der Tod in eine Kiste gesperrt. Es gibt heftige Auseinandersetzungen, und als der Tod dann schließlich einen der Tänzer mit einem Kuss ins Jenseits schickt, verzweifelte Bitten um eine Erklärung. Warum machst du das, Tod? Der Tod schweigt.

Die ganze Inszenierung hat aber auch etwas Tröstliches. Sich den Tod als Skelett-Mensch vorzustellen, der mit allen zusammen wilden Swing tanzt und eigentlich manchmal auch nur einen Drücker will, besänftigt schnell die aufkommende Panik beim Gedanken an den Moment, wenn die Augen für immer zufallen.

Eine wirklich tolle Produktion, mit wunderbar schaurig-schönen Szenen, die zum Nachdenken anregen über eine Sache, über die niemand nachdenken will.

Ein unbedingt empfehlenswerter Totentanz!

Foto: Katrin Ribbe

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