All das Schöne – Nr. 47: Ins Theater gehen

Das erste, was ich von der Aufführung zu sehen bekomme, bin ich selbst. Zusammen mit den anderen Besucher*innen schaue ich in einen sehr großen, leicht verzerrten Spiegel und warte auf den Anfang.

Ein einzelner Mann betritt die Bühne und erzählt vom ersten Selbstmordversuch seiner depressiven Mutter als er gerade sieben Jahre alt war. Damals begann er eine Liste mit all den schönen Dingen des Lebens zu schreiben: Nr. 1 Eiscreme, Nr. 2 Wasserschlachten, Nr. 3 Länger aufbleiben als sonst und fernsehen … schon an dieser Stelle muss ich schmunzeln und erinnere mich an meine Kindheit und diese besonderen Momente. Der Hauptcharakter ist wie alle anderen Kinder auch neugierig und wissbegierig und löchert seinen Vater mit unzähligen Fragen. Doch auf die Frage, warum seine Mutter sich umbringen wollte, weiß sein Vater nichts zu sagen. Während er sich hinter seiner Tür und seinen Schallplatten versteckt, macht der kleine Junge – und später erwachsene Mann – die Liste zu seinem Projekt. Sein Ziel ist es, 1.000.000 Dinge zu finden, die das Leben lebenswert machen. Je älter er wird, desto mehr realisiert er, dass keine Liste der Welt seine Mutter vor einem Selbstmord schützen kann, aber dennoch macht er weiter und betrachtet immer aufmerksamer seine Umgebung auf der Suche nach dem Schönen.

Trotz des ernsten Themas habe ich im Theater selten so sehr gelacht. Mit viel Humor wird eine Geschichte erzählt, die das Thema Depression angemessen behandelt und zum Nachdenken anregt. Ebenso wie sich bei einer Depression Euphorie und Angst abwechseln, springt auch die Stimmung im Raum zwischen fröhlich und traurig hin und her und man fragt sich, wie man in derselben Situation reagieren würde: Sich wehren? Weglaufen? Stillstehen?

Jonas Steglich bindet das Publikum geschickt, aber unaufdringlich in das Stück ein und improvisiert gekonnt. Es bleibt ebenfalls viel Zeit für Musik – live und von der Platte. Immer wieder begegnet man im Spiegel sich selbst, wechselt die Perspektive oder schaut ins Nichts. Ich bin mir sicher, dass jede*r von uns mindestens eine Person kennt, die depressiv ist. Oft ist es deprimierend, dass man nichts dagegen tun kann. Man fühlt sich machtlos oder gibt sich sogar selbst die Schuld. Diese Gedanken greift das Stück auf, reflektiert sie und motiviert. Dass All das Schöne nichts an einer Depression ändern kann, erkennt man schnell, aber darum geht es nicht. Es ist eine Möglichkeit, wie man einer Depression begegnen kann, ein kleiner und wunderschöner Versuch, der Krankheit etwas entgegenzusetzen. Ich ertappe mich dabei, wie ich überlege, was ich auf meine Liste schreiben würde: 1. Der Geruch von Regen, 2. Kuchen, der gerade aus dem Ofen kommt, 3. ins Theater gehen… Viel zu schnell ist das Stück vorbei – denke ich – aber dann kommt noch eine kleine Überraschung …

Foto: Isabel Machado Rios

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