Die Berechtigung des Quengelnden

Vor einigen Wochen, als mir die Aussicht eröffnet wird, als Schreiberling für den Blog des Schauspiel Hannover Rezensionen abliefern zu dürfen, setze ich mein für mich typisches charmant-pseudobescheidenes Lächeln auf und schüttele den Kopf.

“Ich glaube nicht, dass ich dafür eine Berechtigung habe.”

Es stimmt wohl. Man sagt ja, der Kritiker ist ein gescheiterter Künstler, ein gefallener Engel, der nun voller Neid und Verdruss gegen den Himmel wettert. Bevor ich nach Hannover gezogen war, um hier mein Studium anzutreten, spielte ich tatsächlich mit dem Gedanken, an der hiesigen Schauspielschule mein Glück zu versuchen. Um mich kurz zu fassen: Anstatt die Ketten des Müßigganges abzuwerfen und mich für ein Vorsprechen zu bewerben, legte ich mir die kreativlosen Ketten des “Akademikers” an. (Während ich diese Zeilen schreibe, schnaube ich amüsiert… Akademiker, als ob. Fauler Student trifft es wohl eher.) Darüber hinaus bin ich das, was man einen kulturellen Kollateralschaden nennt. Zumindest leiste ich mir jetzt mal im Rahmen dieses Textes die Arroganz und tue so, als gäbe es diesen Ausdruck. Einverstanden? Gut, ist mir sowieso egal.

Kultureller Kollateralschaden, der: Bezeichnet eine Person, die Abi gemacht und bestimmt auch mal die Namen Schiller und Brecht aufgeschnappt hat, aber regelmäßig “Feuilleton” googeln muss, um sich die Bedeutung ins Gedächtnis zu rufen. Geprägt wurde der Begriff vom kulturfernen Kulturliebhaber Jonas Helmerichs.

Ich bin kein Künstler. Welche Berechtigung habe ich schon? Was gibt mir die Erlaubnis, nein, wie kann ich mich erdreisten, mir einzubilden, ich dürfte auch nur ansatzweise ein Urteil fällen, über den Schweiß der Schauspieler, den Denkakt der Dramaturgen, noch mehr Alliterationen…

Ja, ich war immer der peinliche Streber im Deutschunterricht, der sich an schicken Satzgefügen aufgegeilt hat. Ja, ich habe selbst mal auf einer Bühne gestanden. Allerdings war das im traditionellen – um nicht zu sagen, (auf einer kultur-evolutionären Ebene) zurückgebliebenen – Ostfriesland. ¹ Doch dieses Schnittmengchen ändert nichts daran, dass ich ein Laie bin, ein blutiger Banause, der vielleicht mit ein paar feschen Fachtermini und korrektem lateinischen Plural jonglieren kann.

¹ Anm.: Sorry Mama, aber ich muss meiner Web-Persönlichkeit als verkopfter, Möchtegern-provokanter Narzisst Nachdruck verleihen. In diesem Artikel, den max. 25 Leute lesen.

Nun mag man argumentieren: Aber das Publikum des Theaters ist doch immer noch der profane Zuschauer, nicht der Kritiker! Jahaha, leider bin ich aber in einer Position, in der ich mich über das Theater, das Schauspiel, die Kunst stellen soll. Ohne Frage ist es das Anliegen unseres bescheidenen Blogs, einige coole, bestenfalls engagierte Kids zusammen zu trommeln, die Bock haben, über Kultur zu berichten, irgendwo schwingt da aber doch die Konnotation des Kritikers mit. Vielleicht geht es auch nur mir so.

Der Kritiker ist ein Quengler, der meint, er könne sich etwas auf seine Meinung einbilden, weil er ein wenig Ahnung vom Fach hat, selbst aber nie wirklich etwas geleistet hat, das ist doch die allgemeine Auffassung. Natürlich kann ein Kritiker auch loben… aber wo bliebe da der Spaß? Da ich mich nunmal nicht über die Kunst erhöhen möchte, muss ich wohl ehrfürchtig alles abnicken, auch wenn ein Stück für mich zum Sedativum werden sollte. Ist halt Kunst. Versteht der einfache Bürger nicht. Auch doof.

Jetzt reden wir mal Tacheles. Ich bin kein Kritiker. Ich bin Blogger. Internet-Influenza, wenn man so will. Ja, ich schreibe das absichtlich falsch, um selbstironisch und edgy rüberzukommen. Außerdem denke ich viel zu viel nach. Und genau das ist meine Berechtigung. Wenn ich eines liebe, dann Inhalte, neue Denkanstöße. Dieser Blog hat mir Türen eröffnet, Tore zu einer anderen Welt, die mir vorher fremd war.

Ich sehe nun, man erhöht sich nicht über die Kunst, darf sich nicht erniedrigen vor ihr – mal ehrlich, nichts anderes habe ich bisher in diesem Text getan. Ich schreibe keine Kritiken, keine Rezensionen. Wie ein(e) waschechte(r) Influenza möchte ich andere mit meiner Euphorie für alles anstecken können. Ich möchte den Inhalten des Theaters auf anderer Ebene als der Kritischen begegnen, so nah zum Kern vordringen, wie nur irgendmöglich. Sonst würde ich nur auf oberflächliche Weise urteilen und das will ich mir nicht erlauben.

Wenn ich schon keine Ahnung von Kunst habe, möchte ich ihr auf diese Weise zumindest näher kommen. Auf Augenhöhe.

 

Mit freundlichsten Grüßen,

Euer kulturferner Kulturliebhaber.

Fotocollage: Kunstfieber Hannover (monatliche Künstlergespräche in Cumberland)

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