Theaterserie Folge 3+4 – Von Morphium und Kartoffeln

„Das Buch war besser als der Film!“ Den Satz kennen Sie und haben ihn garantiert schon mal gesagt. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, bei einer Romanadaption erwarten wir still und heimlich, dass uns der Film enttäuschen wird. Aber warum ist das so? Was ist so schwierig daran, ein Buch in einen Film zu übersetzen, oder anders gefragt: Worum geht es bei einer Romanadaption?

Die Folgen 3 und 4 der Theaterserie Eine Stadt will nach oben zeigen wie es gehen kann: Es geht nicht darum, die Story nachzuerzählen, sondern das Gefühl und die Atmosphäre der Geschichte nachzubilden. Und da man das Medium wechselt, müssen auch andere Werkzeuge her.

Eine Stadt will nach oben beruht auf dem Roman Ein Mann will nach oben von Hans Fallada, der 1953 postum veröffentlicht wurde, und ist ein Paradebeispiel für eine großartige Romanadaption. (Um das Folgende zu verstehen und dann im Theater Folge 3+4 ganz genießen zu können, sollten Sie einen groben Überblick über die Zeit und das Leben von 1912 bis ungefähr 1947 haben. Und auch nicht schlecht ist es, den Namen Fallada schon mal gehört zu haben)

Jedem Literaturwissenschaftler fallen vermutlich gleich die Ohren ab, aber ich sage einfach mal, dass Hans Fallada dafür so bekannt ist, die Lebenssituation und das Lebensgefühl „des kleinen Mannes“ in der Zeit vor und zwischen den Kriegen so feinfühlig und authentisch abgebildet zu haben. Und genau das bekommt man in Folge 3: Das Leben des kleinen Mannes in 1914 – nur halt im Theater.

Anfang Folge 3:

„Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre – ich bin doch zu schade für einen allein. Ja soll denn so etwas Schönes nur einem gefallen? Die Sonne, die Sterne gehören doch auch allen!“

Damit geht’s los in Folge 3. Ein Transvestit-Künstler räkelt sich im gerade noch so jugendfreien Netz-Outfit in bester Varietémanier durch die Zuschauer und (singen kann man das eigentlich nicht nennen… sagen wir) stöhnt sich durch Marlene Dietrichs Hit. Ja, kann man denn geiler in das verruchte, zügellose, viel zu schnelle Stadtleben kurz nach der Jahrhundertwende einführen?

In dieser Welt leben also unsere Protagonisten. Kurz zur Handlung, Karl trifft auf einen anderen Karl, den sie aber dankenswerterweise nur Kalli nennen und zusammen mit Karls Freundin Rieke gründen sie eine WG. Mehr Story gibt es nicht, das ist aber auch völlig egal: Ab jetzt geht nur um das das harte Leben als Droschkenfahrer – und um Kartoffeln. Denn ab diesem Punkt besteht das Stück eigentlich nur aus zwei Monologen: Karl und Kalli verlesen die Vorschriften und Regeln, die man als Droschkenfahrer zu beachten hat und Rieke kocht Kartoffelsuppe und hält ein Referat über die vielseitige Nützlichkeit des Nachtschattengewächses.

Nun kann man fragen, was das soll – nun ist aber so, dass Fallada das Leben damals eben so beschrieben hat: Es gab nur die Arbeit und weil das Essen knapp war, gab es nur Kartoffeln! Wenn ihr Leben nicht mehr beinhaltete, warum sollen wir als Zuschauer auch mehr gezeigt bekommen? Ich finde das ist authentisch und ehrlich. Vor allem wird es auch nicht langweilig, man hat Zeit die Raffinessen der Inszenierung zu interpretieren: Karl, Kalli und Rieke tragen Turnschuhe mit blinkenden Neonlichtern, die Gesichter sind als Totenköpfe geschminkt und alle fünf Minuten wird das Stück von den Erschütterungen der vorbeirauschenden Straßenbahn unterbrochen. Fühlen Sie sich eingeladen, ihre Ideen dazu in die Facebook-Kommentare zu schreiben.

Ende Folge 3 – Anfang Folg 4

Zu einem Roman gehört immer der Autor. Und insbesondere hier, wo das Leben des Autors so stark mit seinen Figuren verbunden ist wie bei Fallada: Mit Wer einmal aus dem Blechnapf frisst verarbeitete er seine Zeit im Gefängnis, mit Bauern, Bonzen und Bomben spiegelte er den Boykott der Landbevölkerung in Neumünster wieder, über den er als Journalist berichtet hat.

Und wie stellt man einen Mann, seine Biografie und seine Werke am besten einem Publikum vor? Natürlich als Fernsehshow! Fallada wird ins Studio geholt und in Markus-Lanz-Manier wird in Fragen des Moderators, die länger sind als die Antworten des Gastes, sein Leben ausgebreitet: Von der Morphiumsucht, die sein Leben zerstören sollte, über seine Kindheit, wo er einen Freund beim Duell erschossen hat. (Wenn man nicht sowieso schon ein Rieseninteresse an der Person Fallada hatte, will man nach dem Stück sofort seinen Wikipedia-Artikel durchforsten und die Arte-Doku „Im Rausch des Schreibens“ von 2016 auf YouTube gucken und wenn die Stadtbibliothek nicht um 1:52 Uhr geschlossen hätte, würde man auch dann noch aufspringen und sich „Kleiner Mann – was nun?“ besorgen.)

Natürlich gibt es bei der Fernsehsendung auch Gäste: Der Moderator ruft Karl, Kalli und Rieke auf die Bühne, stellt Fallada eine Schreibmaschine hin und will, dass der Autor die Story von Eine Stadt will nach oben weiterschreibt.

Er beginnt dann auch zu tippen, die Figuren spielen simultan mit und auf einmal sind wir im Kopf des Autors und erleben jeden Gedanken live mit: Macht er einen Fehler beim Schreiben, wird die ganze Szene zurückgespult und von vorne begonnen. Besonders spannend wird es, wenn er sich zwischendurch fünf Milliliter Morphium spritzt und es zum Vollrausch kommt, aber gucken Sie sich das selbst an.

An Ende der Sendung wird es erstmals traurig und ernst: Von den Drogen zerfressen, beiden Weltkriegen ernüchtert, und von der Zwangsjacke ruhig gestellt, spricht Fallada direkt in die Kamera. Er stellt die Weltfragen: nach dem Sinn, dem Wohin und Warum. Als er fertig ist, antwortet ihm Siri und ließt ihm die Google-Definition vom Sinn des Lebens vor.

Und mit dem Gefühl, das man hat, wenn man nach dem Beenden eines Buches die Deckel zuklappt, gehen die Lichter aus.

Foto: Isabel Winarsch

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