Die Geschichte von Samer und Hartmut

Die Zuschauer*innen sitzen auf zur Mitte gerichteten Publikumstribünen, die an eine Stadionsituation erinnern. In der Mitte eröffnet Hartmut/Samer El Kurdi sein Spielfeld. Auf Arabisch. Obwohl er die Sprache gar nicht spricht, erklärt er schnell und wechselt dann direkt in seine Muttersprache: Deutsch.

Deutschland als die erste Base. Aus einem kleinen Dorf in Hessen entflieht seine Mutter ihrer prekären Lebenssituation. Zuerst nach England, wo sie auf einen jordanischen Offizier trifft, dem sie nach Jordanien folgt. Jahre später emigrieren sie als Diplomatenehepaar nach Großbritannien. Dann mit Duldestatus zurück nach Deutschland. Bezeichnend ist die Szene im Einbürgerungsamt: Sie wollen also gerne Deutsche werden? Wann ist man denn nun deutsch und wie fühlt man sich als Araber? El Kurdi lädt ein zum deutsch-jordanisch-kaukasisch-britischen Potpourri. Begleitet wird die biografische Geschichte von Fotomaterial aus den 60ern und Maria Rothfuchs am Bass. Die Inszenierung dreht das medienschwere Narrativ um: Eine deutsche Bürgerin flieht als Wirtschaftsflüchtling nach England und emigriert über das Mittelmeer auf die arabische Halbinsel. Eine Geschichte samt Nazionkel, Kamelen und allmorgendlichen WhatsApp-Grüßen aus Amman. Doch da hält El Kurdi inne: Wird hier eine Art Orientalismus reproduziert? Der von Edward Said eingeführte Begriff beschreibt einen einseitigen, eurozentrischen Blick auf die arabische Welt, der auf westlichem Überlegenheitsgefühl und rassistischer Verallgemeinerung beruht. Die Performer*innen lassen den Moment der Reflexion wirken. Doch die zu Wort kommenden Perspektiven seiner internationalen Familienmitglieder differenzieren den westlichen Blick. Und genau diese Perspektiven und Geschichten sind die, welche in Theatersälen und an anderen öffentlichen Orten erzählt werden sollten. Denen wir Raum geben und zuhören sollten. Dann gibt es vielleicht bald nicht mehr nur die “Single Story” über fremde Kulturen wie sie die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Adichie beschreibt, sondern neue Narrative, die den eigentlichen Realitäten gerecht werden.  

Die individuellen Schicksale und El Kurdis Charisma schaffen es leicht, die Spannung aufrecht zu halten. Aber funktioniert die begriffliche Inszenierung des „Home Runs”? Welchen Mehrwert bekommt die Inszenierung durch das skizzierte Baseballfeld und die am Ende nach vorne geschleuderten Bälle? Der Begriff Home Run stammt aus dem Baseballjargon. Punkte sammelt ein/e Spieler*in, indem sie alle vier Bases durchläuft, bevor die gegnerische Mannschaft den Ball zurück ins Feld befördert hat. El Kurdis Bruder beschreibt seine Multikulturalität als besonderes Glück: das Konstrukt einer nationalen Identität hat er schon früh überwunden. Vielleicht ist genau dieses Aufsprengen kultureller Grenzen das eigentliche Ziel des dargestellten Home Runs. Ein gesellschaftlicher Mehrwert findet sich hier allemal. 

Foto: Katrin Ribbe

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