Über den Zauber des Reisens

Das Schauspiel Hannover hat mit In 80 Tagen um die Welt einen Jules-Verne-Klassiker als Familienstück auf die Bühne gebracht. In Zeiten von schnellen ICE-Verbindungen und Billigflügen in alle Welt wirkt der Rekordversuch des englischen Gentlemans Phileas Fogg von einer Weltumrundung in 80 Tagen ziemlich anachronistisch. Dennoch gelingt es der Inszenierung (Regie: Tilo Nest) die Faszination, aber auch die Unrast des Reisens greifbar zu machen. Durch die bis ins Detail liebevolle Ausgestaltung des Bühnenbildes (Robert Schweer) und der wunderbaren Kostüme (Anne Buffetrille) wird die Begegnung mit verschiedenen Kulturen eindrucksvoll illustriert. Auch die auf der Bühne platzierte Band trägt zudem durch Musik und Soundeffekte zu einem stimmungsvollem Ganzen bei und wird darüber hinaus mit ins Geschehen einbezogen.

Die Darsteller spielen die Charaktere und ihre schon in der Romanvorlage angelegten Marotten gekonnt aus. Die Angewohnheiten jedes Charakters werden im Laufe des Stücks als immer wiederkehrende Running Gags weiterentwickelt, sodass sich keine Eintönigkeit einstellt. Besonders der Diener Jean Passepartout (Andreas Schlager) und Superagent James Fix (Christoph Müller) gewinnen dabei die Gunst des Publikums. Passepartout unterstützt seinen Herrn Phileas Fogg mal mehr, mal weniger erfolgreich. Der Superagent James Fix erinnert in seinem Versuch, den englischen Gentlemann Fogg als mutmaßlichen Bankräuber zu verhaften, in sympathischer Weise an die alten Inspector-Clouseau-Flime. Silvester von Hösslin verleiht Phileas Fogg geschickt aristrokratische wie auch sympatisch-schrullige Züge. Carolin Haupt verkörpert die im Zuge der Reise gerettete Inderin Aouda. Hier gelingt der Spagat des Charakters zwischen Frau in Nöten und hilfreicher Reisebegleitung nicht ganz so überzeugend. Susana Fernandes Genebra hat in ihren Rollen als diverse Schiffskapitäne die Lacher auf ihrer Seite.

Die Handlung ist gegenüber der Romanvorlage an einigen Punkten gekürzt worden. Dadurch leidet die Glaubwürdigkeit einiger Handlungsbögen etwas. Manchmal läuft die Lösung von Problemen, die während der Reise auftreten, ein bisschen zu schnell und zu glatt. Gerade die Ballonfahrt gegen Ende, welche die Reisenden vom Wilden Westen direkt nach London führt, wirkt –trotz ihrer herrlichen Inszenierung mit lustigen popkulturellen Referenzen – etwas übertrieben und leitet das Ende der Reise überaus plötzlich ein. Auch das Verhältnis von Phileas Fogg und Aouda ist über weite Teile des Stücks in romantischer Hinsicht eine Einbahnstraße, bis sich – Vorsicht Spoiler – Phileas Fogg am Ende doch noch relativ spontan Aoudas Heiratsantrag annimmt.

In 80 Tagen um die Welt will ein Familienstück sein und wird diesem Anspruch in höchstem Maße gerecht. Kinder und Junggebliebene erwartet eine Reise voller zauberhafter Momente.

Foto: Katrin Ribbe

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