„Wir planen nicht, Steine auf das Publikum zu werfen“

Der Ausverkauf geht weiter! – selbstironisch betitelt das junge Team um Regisseurin Ulrike Günther das Rechercheprojekt zu den Chaostagen in Hannover. Dass das Thema noch immer polarisiert, obwohl es über 20 Jahre her ist, dass die  Hannoveraner Nordstadt das letzte Mal Schauplatz größerer Straßenschlachten zwischen Punks und Polizei wurde, zeigte am 8. November die Werkschau zum Stück, moderiert von Johanna Bantzer.

Doch von vorn:
Sofern man „Pogo“ für eine Art der Kaffeezubereitung hält und ein gutes Glas Rotwein einem handwarmen Dosenbier vorzieht, dürfte man unter dem Begriff „Chaostage“ höchstens eine sehr vage Vorstellung dessen haben, was sich in den 1980er und 1990er Jahren in Hannover einmal pro Jahr, in den Jahren 1984 und 1995 jedoch in besonders destruktiver Weise, entlud. Punks – das sind damals wie heute zumeist Jugendliche oder in ihrem jugendlichen Ich gealterte Menschen, die sämtliche Formen von Bürgerlichkeit ablehnen und denen damit in einer durchoptimierten kapitalistischen Arbeitsgesellschaft nur ein Platz am Rand bleibt. An jenem Rand hat man sich jedoch komfortabel eingenistet und bringt gewohnt griffig seine Haltung zum Ausdruck („ARBEIT IST SCHEISSE!“ – Wahlkampfmotto der Anarchistischen Pogopartei Deutschland (APPD) im Bundestagswahlkampf 1998). Wer es heutzutage ernsthaft wagen möchte, einem echten Punk zu begegnen, begibt sich am einfachsten auf eine der großen Fußgängermeilen der Innenstadt, wo beim „Schnorren“ die Finanzen aufgebessert werden. Auch der Besuch eines der vielen Veranstaltungsorte in der Nordstadt, in denen regelmäßig Konzerte aus der gleichnamigen Musikrichtung stattfinden, kann sehr aufschlussreich sein (dort ließe sich auch die Wissenslücke mit dem „Pogo“ schließen – versprochen!). Doch während heute die Modekette H&M Shirts mit dem Logo der Punkband Sexpistols druckt (ja, der Ausverkauf GEHT weiter), war das Aussehen der Punks, welches mit jeder in den Textilien verwebten Faser Unangepasstheit zum Ausdruck bringen sollte, dem Establishment der 1980er Jahre solch ein Dorn im Auge, dass man Anstrengungen unternahm, eine polizeiliche Kartei zur Registrierung sämtlicher an ihrem äußeren Erscheinungsbild als Punks zu identifizierenden jungen Menschen anzulegen, um auf diese Weise die Wahrung von Sicherheit und Ordnung in der Stadt garantieren zu können. Ein von Neonazis unterwanderter Protest gegen die „Punkerkartei“ entlud sich sodann im Jahre 1984 in einer unübersichtlichen Gemengelage von Punks und Autonomen gegen Rechtsradikale gegen Polizisten, an dessen Ende das Café des UJZ Glocksee, Rückzugsort vieler Autonomer und Punks, ein in Pfefferspray gehüllter Trümmerhaufen war. 1995 dann wieder: „Chaostage“. In der Selbstdarstellung ein buntes Fest aus Musik, Tanz und Dosenbier von den Punks aus Hannover für die Punks aus Europa. Die Bilanz: 180 verletzte Polizisten. 220 angeklagte Chaostage-Teilnehmer und ein komplett verwüsteter Straßenzug in der Nordstadt. Nach dem G20-Gipfel in Hamburg im Sommer dieses Jahres sind die dann folgenden Mechanismen der Schuldzu-, -ab- und -zurückweisung wieder gut zu beobachten und damals wie heute stehen sich die Erzählungen einer Deeskalationsstrategie seitens der Polizei und die eines friedlichen Punkfestes unvereinbar gegenüber.

Und damit sind wir in der Werkschau vom 8. November 2017 angelangt. Lässt man den Blick kreisen, so sieht man: Establishment. Sakkos, Fliegen, randlose Brillen und Rotweingläser. Einzig der tätowierte Arm unter der Lederkutte von Mike Spike Froidl, einst Mitinitiator der Chaostage, fällt ins Auge. Jener war zur Werkschau und der im Vorfeld angelegten Kunstfieber– Veranstaltung eingeladen worden, um eine Antwort auf die Frage, was Punk denn nun sei, zu geben, was ihm jedoch – das sei an dieser Stelle erwähnt – durch die Ignoranz seinerseits gegenüber dem Veranstaltungsformat und der Ignoranz von Seiten des Publikums gegenüber der provokanten Art seiner Ausführungen nicht gelingen sollte. Es stellt sich zudem heraus, dass die geplante Struktur einer Fragerunde der Moderation und des Publikums mit den Beteiligten des Stückes schnell über den Haufen geworfen werden muss, da der Chaostage-Veteran Foidl nicht müde wird, anekdotenreich aus dem Chaostage-Nähkästchen zu plaudern. Möglicherweise ist es jedoch gerade dies, was den Besuchern der Werkschau an diesem Abend am Ende doch einen ungeahnt direkten Einblick in das gewährt, was Punk zu sein ausmacht: Nämlich auf das Konzept des Abends – Verzeihung – zu scheißen.

Nichtsdestotrotz erfährt man Interessantes aus dem Entstehungs- und Probenprozess des Stückes. Der besondere Reiz des Rechercheprojektes liegt nämlich, und das leuchtet ein, in der „Prozesshaftigkeit“ der Realisierung, wie es Regisseurin Ulrike Günther nennt. Das gesprochene Wort speist sich zu größten Teilen aus Interviews mit Beteiligten der Chaostage, mit Punks, Polizisten, aber auch mit Forschern, die sich mit Protestdynamiken befassen. Insgesamt möchte das Stück nicht die Chaostage, das Punksein und das Steinewerfen erklären. Das wäre auch angesichts einer Bewegung, die sich derart programmatisch einer Deutungshoheit verwehrt (wie immer einprägsam „DAS IST PUNK DAS RAFFST DU NIE!“) unmöglich. Die sehr reflektierte, niemals bewertende Arbeitsweise der Regisseurin trägt dem Rechnung. Man ist sich durchaus der Ironie bewusst, dass ausgerechnet das Staatstheater nun das Thema Punk anfasst. Dennoch – oder gerade deswegen – fällt es den beteiligten Schauspielern und Musikern nicht immer leicht, die nötige Distanz zum Stoff zu wahren. Musiker Tim versucht in Vorbereitung auf das Stück „den Punk in sich zu finden“ und Schauspieler Maximilian, der selbstkritisch anmerkt, der „feuchte Traum jedes FDP-Politikers: karrierebewusst, flexibel, fleißig“ zu sein, gibt Schwierigkeiten einer Annäherung an die Rolle zu. Möglicherweise würde es dem Team guttun, sich bei einem Punkkonzert in der Nähe nach fünf bis sechs Dosenbier einfach mal ins Getümmel zu werfen (hier ein paar Veranstaltungstipps vor Ort: http://stumpfpunk.blogsport.de/termine/ oder https://www.kopernikus-hannover.de/termine/konzis/) um ein wenig Lockerheit im Umgang mit dem Stoff zu entwickeln. Darüber hinaus sind die Schauspieler in die Auswahl der Texte involviert und bis hin zum Kostümdesign ist das Stück ein einziger großer Entwicklungsprozess, der wohl erst in der Premiere am 9. Dezember 2017 endet.

Am Ende ist den Besuchern der Werkschau klar: Einen Punk zu spielen, das ist nicht das Gleiche wie einen Hamlet oder einen Faust zu spielen. Punksein ist nicht so einfach, wie man zunächst denken mag und ist deshalb umso schwieriger prototypisch auf die Bühne zu bringen. Sollte man sich also dazu entscheiden, die Premiere zu besuchen, ist davon auszugehen, dass man auch dieses Mal keine eindeutige Antwort darauf bekommen mag, wer oder was Punks sind und wer verdammt noch mal unsere schöne Stadt vor 20 Jahren so verwüstet hat. Viel eher wird das Stück Perspektiven darauf eröffnen, welche Haltung wir zu jenen Protesten, für die auch die G20-Proteste in Hamburg exemplarisch stehen, einnehmen können und sei deshalb jedem sehr ans Herz gelegt.

Foto: Katrin Ribbe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s