„My hatred is very cool“ – Das ABC der Demokratie mit Carolin Emcke und Teju Cole

Das Schauspiel Hannover hat sich etwas vorgenommen: Mit den 24 Buchstaben der Alphabets soll mit Beginn der Spielzeit 2017/18 das ABC der Demokratie ausbuchstabiert werden. Buchstabe A wurde mit AMERIKA besetzt. Zu Gast bei Moderatorin Carolin Emcke war Autor und Fotograf Teju Cole.

Emcke stellte Cole vor, als jemanden den man nicht vorstellen müsse und freute sich über die großzügige Förderung der Stiftung Niedersachsen. Cole dankte und ging zum Rednerpult. „I’m glad to be in Hannover“, sagte er und das Publikum lachte und er bemerkte leicht irritiert: „Since I’m a long-time admirer of Carolin Emcke’s work, I was glad to come.“

Er wolle einen Text lesen, den er schon einmal anderswo, in den USA gelesen habe. Aber nach den ersten Sätzen fiel die Technik aus. Die Simultanübersetzung funktionierte nicht mehr. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Und Cole begann eine Geschichte zu erzählen, einen Witz, den Edward Bernays* immer erzählt habe, wenn er im Radio auftrat. Carolin Emcke übersetzte, wobei es Cole nicht schnell genug zu gehen schien, sodass er sie immer wieder unterbrach und die Geschichte auf Englisch weitererzählte. Bis zur Pointe. Kurz darauf funktionierte die Technik wieder und Cole begann erneut seinen Text zu lesen.

Der Text, als Einstieg in das Gesprächsformat handelte vom Desaster darüber, dass die Menschen auf etwas Offensichtliches und Fühlbares warteten, auf eine Veränderung, die ihnen eindeutig zeigt, dass sie ihr Leben ändern müssen, weil das Leben sich geändert hat. Diese Veränderung hätte aber schon stattgefunden – langsam und unsichtbar: „Everything is soaked through with the color of the disaster.“ Großer Applaus für diesen poetischen Text.

Nach diesem starken Einstieg konnte man hingegen beim sich anschließenden Gespräch den Eindruck gewinnen, Cole hätte lieber ein Interview gegeben als ein tatsächlich gleichberechtigtes Gespräch zu führen. Ein Interview, bei dem er und sein Werk im Mittelpunkt stehen und nicht unbedingt die sehr viel größeren und umfassenderen Themen Demokratie oder die USA. Fast stellte sich der Eindruck ein, Teju Cole habe irgendwie immer die richtige Antwort geben wollen und daher Sinnsprüche à la: „If you’re used to be superior equality feels like oppression“, beisteuerte. Angesprochene Themen des Abends waren die Schwierigkeiten und Nachteile der Demokratie, wieso sie gerade in einer Krise stecken könnte, es ging um die kulturelle Aneignung der Vergangenheit durch Rassismus und wie man mit Monumenten von Sklaventreibern und Abraham Lincoln umzugehen habe. Als Cole dann erklärte, dass er den Sklaventreiber, wenn er einen hätte, nachts aufsuchen und ihm im Schlaf die Kehle durchschneiden würde, entstand eine unangenehme Stille. Nur irgendwo auf den hinteren Plätzen fing eine einzelne Person heftig zu klatschen und zu johlen an. „Disaster is not distributed even“, hatte Cole irgendwann gesagt. „Da war sie dann“, dachte ich, die Krise der Demokratie.

Zum Abschluss des Abends signierten Emcke und Cole den Zuschauern ihre Bücher. Die Schlange an Coles Signiertisch war länger als die bei Carolin Emcke, etwa 20 zu eins – denn sie ist ja jedes Mal da. „Gott sei Dank“, dachte ich, schob Cole das gerade eben gekaufte Buch hin und hörte wie bei Frau Emcke am Nebentisch jemand sagte: „Ich dachte immer, das sei Teeniekram, aber Autogrammjäger sein macht schon Spaß.“ „Nächstes Mal“, dachte ich, „kaufe ich auch ein Buch von Frau Emcke, das hat sie verdient.“ Ich freu mich drauf.

*Bernays, Edward; Neffe Freuds, veröffentlichte 1928 das Buch Propaganda, das bis heute grundlegend und maßgeblich für jegliche Public-Relations-Strategie in Politik und Wirtschaft ist. Er vertrat die Ansicht, dass es in demokratischen Gesellschaften nötig sei, die Meinung der Massen zu lenken und zielgerichtet zu manipulieren.

Foto: Katrin Ribbe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s