Punk is dead, oder doch nicht…?

Als der Gong am Samstag in der Cumberlandschen Galerie ertönt und der Weg zur Bühne freigegeben wird, auf der die Punkbewegung ihr umstrittenes Debüt gibt, wird es laut. Oben angekommen wartet jedoch keineswegs eine Bühne, es wartet einzig ein Podest und auf dem Podest knüppelt jemand Viervierteltakte in ein Schlagzeug und singt, nein, grölt dabei. Unverständliches – das Mikrofon übersteuert –, im Großen und Ganzen jedoch stets dieselben zwei Zeilen. Irgendwas mit Bullen und gerösteten Schwänzen. Im Dreieck um das Podest nimmt wie in einer Arena das Publikum Platz.

Vorab: Das Stück Chaostage – der Ausverkauf geht weiter! polarisiert, noch bevor das erste Wort gesprochen, oder besser, gegrölt ist. Das STAATstheater nähert sich der Punkbewegung an – ernsthaft? Da wäre es einfach, sich darüber lustig zu machen, dass Ohrstöpsel verteilt werden, falls jemand den Schlagzeuglärm nicht erträgt. Oder dass Schlagzeuger Tim etwas absichtsvoll aus dem Takt kommt. Man ahnt, er kann es besser. Oder dass die Zigaretten, die die Schauspieler*innen rauchen, Filterzigaretten sind und nicht Filterlose oder Selbstgedrehte. Oder… Aber das wäre langweilig. Auf den offensichtlichen Widerspruch wird – und das nicht nur einmal – vom Skript eingegangen, alle wissen Bescheid: die Schauspieler*innen, das Publikum oder die vereinzelten meist ergrauten Alt-Punks und Chaostage-Veteranen, die sich unters Publikum gemischt haben und die man entweder an ihren Lederkutten oder ihren WIZO-Pullovern erkennt oder daran, dass sie bei Insiderwitzen besonders laut lachen. Einer von ihnen ist Karl Nagel (erkennbar am 20 cm langen Stahlnagel, den er an einer Eisenkette um den Hals trägt) und der findet diesen Widerspruch so unerträglich, dass er sich im Laufe des Stückes einmischt. „Wenn das hier Punk sein soll, dann bin ich lieber Bulle,“ merkt er an, als er von den Bühnen-Punks angesprochen wird und entblößt dabei ein Shirt mit der Aufschrift POLIZEI.

Wie wird man zum Punk?

Beim Chaostage-Stück handelt es sich um ein Rechercheprojekt der Regisseurin Ulrike Günther. Das Skript basiert zu größten Teilen auf Interviews mit Beteiligten der beiden denkwürdigsten Chaostage in den Jahren 1984 und 1995. Entsprechend fließend ist im Stück der Übergang zwischen Dokumentation und Spiel, zwischen Biografie und historischer Einordnung. Und so fließt das Stück vom anfänglichen „Natürlich ist das alles hier nicht echt“ von Bühnen-Punk Maximilian in dem Moment, in dem er der Souffleuse Martha das Textbuch aus der Hand reißt und droht, spätere Passagen vorzulesen, bis hin zum Showdown mit Alt-Punk Karl Nagel, doch dazu später. Zum Ensemble gehören neben Trommler Tim die Bühnen-Punks Maximilian, Janko und Anke. Alle haben sie etwas zu erzählen darüber, warum sie Punks geworden sind und was Punk sein für sie persönlich und für die Gesellschaft bedeutet. Man erfährt vom Abgrenzungsdrang zu den Ballett- und Pferdemädchen in der Schule und vom ersten Punk-Konzert, bei dem gepogt, geskankt und mit dem Drummer geflirtet wird („Na kommste gleich noch mit Backstage?“). Oder von der scheißverschwendeten Jugend in der Provinz mit Alkoholexzessen und gestrecktem Gras vom Ticker auf dem Schulhof und vom Aufbruch in die große Stadt, in der man endlich nicht mehr der Einzige ist. Denn was bleibt einem denn anderes übrig in einer durchoptimierten Gesellschaft, als allen anderen den Mittelfinger entgegenzustrecken?
Hier packt das Stück bei der Ehre. Hat der mit dem Iro da vorne nicht Recht? Leben Punks nicht eigentlich das vor, was der Normalbürger mit seiner Biomarkt-Kapitalismuskritik sich selbst und seinen Hipsterfreunden vorspielt?
Jener Weckruf muss leider verpuffen. Die Einmann-Punkband findets langweilig und wirft dem sich Ereifernden seine Drum-Sticks an den Kopf, woraufhin dieser sein Manifest wörtlich wiederholt. Doch alles nur gespielt… Außerdem ist da noch Wolf, mit Krawatte und Bügelfalte ein äußerliches Gegenstück zu den vier bunten Vögeln. Ein Side-Kick, der in seiner Kauzigkeit an William Cohn aus Böhmermanns Neo Magazin Royale erinnert und das Stück mit zeitgeistigen Anekdoten kommentiert über den Schwer-In-Ordnung-Ausweis der Stadt Hamburg (als Gegenentwurf zum Schwerbehindertenausweis) oder über einen Sowjet-General, der während des Kalten Krieges einen kühlen Kopf bewahrte und die Welt von einem Atomkrieg verschonte. Was der gesellschaftstaugliche Pazifismus dieser Einschübe jedoch genau mit Punk zu tun hat, erschließt sich nicht wirklich. Doch auch Anzugträger Wolf wandert im Laufe des Stückes vom Off, von wo er anfangs das Geschehen kommentiert, ins Zentrum des Geschehens und redet sich in Rage über gesellschaftliche Normen und dem Drang aus selbigen am besten laut lachend auszubrechen, um dann mit denen, die sich pinkes Haarspray in den Irokesen gesprüht haben zu Trommel-Tims Off-Beat-Salven zu toben. Und dann ist da immer wieder Karl Nagel, der gut sichtbar auf den untersten Stufen vor den Sitzreihen Platz genommen hat. Von dort rückt er im Verlaufe des Stückes immer mehr von der Zuschauerrolle in die des heimlichen Protagonisten. Anfangs erwähnte Einmischung droht nämlich in eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Alt-Punk und Bühnen-Punk auszuarten. Und Karl Nagel hat Recht, wenn er anmerkt, dass das Toben zu Trommel-Tims Geschepper in den gut gepolsterten Sitzsäcken rings um das Schlagzeug-Podest wenig mit dem Vollkontaktsport zu tun hat, der üblicherweise vom Publikum auf einem Punkkonzert praktiziert wird. So wirkt die Inszenierung insgesamt wie in einem Schutzanzug, der davor bewahrt sich an der Thematik der Chaostage zu verbrennen. Denn wo die Flucht vor der Anpassung nur in den Backstagebereich eines heiser gegrölten Schlagzeugers führt, wo der Ausbruch aus der Enge der Provinz zur Gefühlsduselei erklärt wird, dort kann der Zugang zur Bewegung Punk nur ein distanzierter bleiben.

Mitgefühl, Lacher und Nachdenken

Was in Erinnerung bleibt, sind die Schnipsel, die die Vorgänge während der Chaostage plastisch werden lassen. Die Geschichten des Polizisten, der unter dem Steine-Hagel der Punks zwei Einsatzhelme verbraucht oder der Anwohnerin, die die zuvor im geplünderten Pennymarkt ergaunerten Tiefkühlpizzen aufbackt und den hungrigen Punks zur Stärkung aus dem Küchenfenster serviert, lösen Mitgefühl, Lacher und Nachdenken aus: Wie hätte ich mich verhalten, wenn ich zu jenem Zeitpunkt schon in Hannover gelebt hätte (Anm. d. Autors, Jahrgang 1995: wenn ich zu jenem Zeitpunkt schon hätte laufen können)? Hätte ich nur zugeschaut? Hätte ich mich genau wie viele andere im geplünderten Pennymarkt bedient? Hätte ich mitgetanzt und wenn ich Tiefkühlpizzen aufgebacken hätte: für die Polizisten oder für die Punks? Das Stück endet mit dem Verlesen des Briefes, mit dem Karl Nagel auf die Anfrage um Mithilfe bei der Konzeption des Stückes geantwortet hatte. Nagel, der sich immer noch publizistisch mit der Punkbewegung im Allgemeinen und den Chaostagen im Speziellen befasst, gibt darin an, dass er nicht bereit ist, seine ganz persönliche, oft widersprüchliche Sicht auf Punks und die Chaostage für die Inszenierung des Staatstheaters Hannover herzugeben oder wie er es ausdrückt, „die Hose so weit runterzulassen, dass man nicht nur die Sackhaare, sondern auch die Sackfalten sehen kann“. Und in diesem Brief wird dann ganz plötzlich erfahrbar, was in den Szenen zuvor nur in der Andeutung verbleibt: Was die Annäherung und vor allem Deutung des Phänomens Punk so schwierig macht, ist, dass die Bewegung Punk für diejenigen, die sich dazuzählen, immer extrem persönliche Erfahrungen von Außenseitertum, Entfremdung, Abgrenzung, Wut, Zugehörigkeit und Ekstase einschließt. Und Nagels verbissene Reaktion zeigt, dass der Punk an sich noch immer leidlich Anstoß zur Debatte gibt und deshalb vielleicht doch nicht ganz so tot ist, wie alle immer behaupten.

Foto: Katrin Ribbe

 

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