Fressen und Moral

Jack London habe ich bis jetzt in zwei Phasen gelesen: Einmal als Kind, damals wegen der spannenden Abenteuergeschichten und den mutigen, starken Helden. Jetzt, als älteres Kind, lese ich London noch einmal. Diesmal aber wegen der philosophischen Erkenntnisse in seinen Texten. Da eins seiner bekanntesten Werke, der Roman Ruf der Wildnis, nun vom Jungen Schauspiel auf die Bühne gebracht wurde, bot es sich also an diese unterschiedlichen Perspektiven zu vergleichen. Deshalb rief ich einen Freund an, ob er nicht mit mir zusammen in das Stück gehen wolle und er sagte zu, was mich sehr freute. Der Freund heißt Laurin, ließt gerne, ist ein heller Kopf und was in diesem Fall besonders wichtig ist, er ist zwölf Jahre alt.

Kommt man ins Theater rein, ist die Bühne gänzlich schwarz, man hört nur das Stöhnen von fünf Menschen, oder besser Hunden, die Gesichter zu Fratzen verzerrt; das ganze Gesicht komplett weiß bis auf tiefrote, spitz zulaufende Augenhöhlen – und einer schmalen roten Line, die von der Nase bis zum Kinn herunterrinnt, wie eine feine Blutspur nach einem üppigen Mahl. Diese Gestalten rackern sich ab, in einem Gestell aus zwei Gitterwänden, die auf Schienen nebeneinander herfahren. Immerzu im Kreis herum, angetrieben durch das Ziehen und Schieben der Huskys.

Ruf der Wildnis, für alle, die die Geschichte nicht kennen, handelt von Buck dem Hund. Buck lebt Ende des 19. Jahrhunderts zu Zeiten des großen Goldrausches auf einer Ranch in Kalifornien und es geht ihm ganz gut, bis er eines Tages geraubt und nach Alaska verschleppt wird, und fortan als Schlittenhund schwere Waren für die Goldgräber durch die Eiswüste ziehen muss.

Buck hat also ein Hundeleben, im wahrsten Sinne des Wortes: Für ihn besteht die Welt nur noch aus Stahl, Schmerz, Eis und Gewalt. Mit Bissen und Tritten bringen ihm die anderen Hunde im Rudel den Überlebenskampf auf dem Trail bei. Und Buck lernt schnell.

„Du musst Amboss oder Hammer sein!“

Bald schon wird ihm der Platz in der zweiten Reihe zu klein, er will nach vorne, an die Spitze des Rudels und für Spitz, den Leithund, spitzt sich die Lage zu: Es kann nur einen Leithund geben. Unausweichlich kommt es zum finalen Kampf auf Leben und Tod, Buck und Spitz fallen über einander her, es ist schwer die beiden auseinander zu halten, Laurin und ich verlieren den Überblick… am Ende tötet Buck den Rivalen und Spitz wird von den übrigen Hunden zerfleischt und aufgefressen. Recht authentisch – kurz vor der Aufführung hatte mir Ulrike noch gesagt, dass sie die Altersfreigabe des Stücks von 12 Jahren auf 14 Jahre heraufgesetzt hat, und jetzt verstehe ich auch warum – ich fahre in meinem Sitz zusammen und blicke dann verstohlen zu Laurin herüber, aber dem gefällts.

„Fressen oder gefressen werden!“

Über das Leben gibt es so viele Weisheiten wie ein irischer Segensspruchkalender Seiten hat, aber in diesem Fall finde ich zwei besonders treffend:

„Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ von Bertolt Brecht und „manners make us men“ von Harry Hart.

Wer hat denn nun recht? Was macht uns zu Menschen, ist es die Hochkultur der modernen Zivilisation oder doch das animalisch Primitive? Ließt man Jack London und schaut man sich Ruf der Wildnis an, muss man sich die unbequeme Wahrheit eingestehen, dass unsere Zivilisation lange nicht so unumstößlich ist, wie wir das vielleicht haben möchten.

Unsere Grundwerte („Die Würde des Menschen ist unantastbar“), Moral und Ethik („Du sollst nicht töten, Du sollst nicht stehlen“), Stolz, Edelmut und Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit – kann es sein, dass uns diese Dinge nichts mehr wert sind, sobald es uns richtig dreckig geht? Ist der Mensch, immer noch, ein wildes Tier? Das Wort Menschlichkeit ist in unserem Sprachgebrauch mit etwas Positivem, Mitfühlendem verbunden, kann es sein, dass in Wahrheit Egoismus und Gewalt menschlich sind?

London jedenfalls meint es nicht gut mit der Zivilisation: Buck ist sein ganzes Leben lang im sonnigen Kalifornien aufgewachsen und alles was es gebraucht hat, um aus ihm ein wildes Tier zu machen war eine Tracht Prügel im eisigen Alaska. Mehr noch, für Buck sind alle Überbleibsel aus dem alten Leben gefährliche Charakterschwächen! Wer Mitleid hat, wird als erstes tot gebissen. So betrachtet ist die Geschichte ein richtiger Downer, voll von Tristesse und Schwarzmalerei – aber warum war dann Londons Roman so ein Erfolg und ist es noch heute? Vielleicht weil das bisschen Wahrheit nicht schaden kann.

„Survival of the fittest“, das ist Londons Thema. Es ist das unterschwellige Grundthema in vielen seiner Bücher und konkretisiert sich hier und da in Sozialdarwinismus und Nietzsches Übermenschenideal. Bei diesen Begriffen fängt es an SEHR unangenehm zu werden und eigentlich möchte man hier gar nicht mehr weiterdenken, aber ich finde es wichtig einmal das Thema durchdrungen zu haben: Der Mensch ist von Natur aus kein gutes Wesen. Wir sind empfänglich für Macht, Stärke und Überlegenheit ziehen uns an. Für den Überlebenskampf haben und hatten wir eine große Faszination; man denke an Gladiatorenkämpfe und deren moderner Ableger „Höher, Schneller, Weiter“. Beides, damals wie heute, sind Ereignisse, die die Massen begeistern.

Wir sind also primitiv. Wenn es hart auf hart kommt, heißt es: „Erst ich! Dann die anderen“. Brecht hat Recht.

Ein paar Tage nach der Aufführung hat mit Laurin in eine E-Mail geschrieben: „Ich habe gelernt, dass man nie aufgeben soll und dass man das schätzen soll was man hat und das alles passieren kann […]“

Ich finde es wichtig, sich einzugestehen, dass das Wesen des Menschen an sich kein Gutes ist. Und davor sollten wir nicht die Augen verschließen, denn sollte es einmal zu einem Angriff auf die Zivilisation kommen, wissen wir dann woher er kommt. Und die Zivilisation ist unbedingt zu verteidigen, denn sie ermöglicht uns ein Leben, in dem wir sicher und geordnet und friedlich leben können. Ich bin dankbar dafür, dass ich beim Essen nicht alle zwei Minuten über meine Schulter schauen muss, ob sich nicht jemand heranschleicht, um mich um meinen Snack zu bringen. Und außerdem finde ich es ganz schick, dass kranke und schwache und alte Menschen nicht einfach auf der Strecke liegen gelassen werden. Doch zurück zum Stück.

„Menschlichkeit und Liebe“

Irgendwann in der Mitte des Stücks habe ich nur noch gedacht: Wie häufig wurde Buck jetzt geschlagen? Wie oft hat er den Master wechseln sehen? Runde um Runde dreht sich der Schlitten auf den Schienen, wieder geht es den Trail hinauf zu den Goldminen, wieder hungert sich Buck bis auf die Knochen ab. Das Gestöhne geht immer weiter, das Kämpfen geht immer weiter, das Bluten auch, die Schinderei hört einfach nicht auf! Warum lebt Buck noch? Wann stirbt er denn endlich? Wann kommt die Pointe?!!

Gibt es denn gar keine Alternative zum puren Überlebenskampf? Natürlich gibt es sie und was für eine! Hier zitiere ich gerne nochmal Laurin:

„Für mich ist wild sein gut, weil man sich in einem Rudel hilft. Bei uns ist das nicht so, dass man sich auf jeden verlassen kann, im Rudel ist man voneinander abhängig und bei uns ist das eher nicht der Fall.“

Buck wird von dem erfahrenen Schürfer John Thornton vor dem sicheren Tod gerettet und die beiden werden ein Herz und eine Seele. Buck liebt seinen Herren bedingungslos und tut alles für ihn. Auch er rettet ihm das Leben und weicht ihm nicht mehr von der Seite. Die beiden sind ein Team, sie sind aufeinander angewiesen und passen deshalb aufeinander auf.

Das ist die andere Seite des Überlebenskampfes. Der Mensch ist kein Einzelgänger, er ist ein Rudeltier. Er braucht die engsten Freunde und Familienangehörige, denn nur dann überlebt er. Die Liebe ist der Kitt, der alles zusammenhält und für mich und für Laurin war das eine sehr schöne Erkenntnis – sehr… menschlich.

Der Showdown setzt sich dann aus genau diesen beiden Elementen zusammen: Absolute Kraft und grenzenlose Aufopferung für die Liebe. Was genau passiert, das möchte ich jetzt nicht verraten. Gänsehaut ist hiermit aber versprochen.

Foto: Isabel Machado Rios

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