What is love? Don’t hurt me.

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Liebe:             298 000 000

Hass:              21 300 000

Angst:            91 900 000

Trauer:           27 800 000

Wut:                26 800 000

Anscheinend beschäftigt uns emotional nichts so sehr wie die Frage nach der Liebe. Liebe ist omnipräsent: Schalten wir das Radio an, geht es in jedem Popsong um Liebe, wenn Sie Musikgeschmack haben und Programmradio hören, vielleicht nur in jedem zweiten. Jeder Spielfilm hat den Love-Interest, die Werbung schüttet uns zu mit Idealvorstellungen, wie Liebe auszusehen hat. Wir wollen Liebe so dringend, so lange wir körperlich dazu in der Lage sind, rennen wir wie wild hinter diesem Gefühl her – diejenigen, die momentan in einer Liebesbeziehung sind, können sich glücklich schätzen und einmal kurz ausspannen. Vermutlich aber nicht für lange, denn mittlerweile wird jede fünfte Ehe geschieden.

Und dann tut Liebe weh.

Vor zwei Wochen war Weihnachten, das Fest der Liebe, dann an Silvester zählt man erst von zehn runter und fällt anschließend dem Liebsten um den Hals – für all diejenigen, die aber gerade keinen Liebsten zur Hand haben, könnten diese Tage gar nicht schnell genug vorübergehen. „Wieder ein Jahr ohne Liebe vorbei.“ Vielleicht auch „Das erste Mal nach all der Zeit ohne jemanden ins neue Jahr gestartet.“ Die Optimisten denken sich „Dieses Jahr wird MEIN JAHR! Nächstes Silvester stehe ich hier mit ihm im Arm!“

We all suck – but love can make us suck less!“ (Bo Burnham)

Love is the very best part of being alive. Keine Liebe tut weh, hat man sie dann aber einmal, ist es das schönste Gefühl der Welt! Ich glaube, die meisten Leute würden für Liebe so ziemlich alles tun. Es ist das höchste der Gefühle, es gehört für uns zum Leben dazu und ohne Liebe, glauben wir, können wir nicht glücklich werden. Und deshalb suchen wir so akribisch danach. Aber wonach genau eigentlich?

Liebe ist so differenziert, so vielschichtig – wir suchen nach Liebe in Verbindung mit Sex, oder auch ohne Sex? Wollen wir die Liebe zu Familienangehörigen? Den eigenen Kindern vielleicht? Und wie kommen wir dahin? Wie finde ich denn jetzt die Liebe meines Lebens?!!!

Mir fällt auf,  je mehr ich über die Liebe nachdenke, desto stärker wird mir bewusst: Ich weiß gar nicht, wie meine Liebe aussehen soll. Ich kenne meine Gefühle, aber die sind so abstrakt und unförmig, dass ich gar nicht artikulieren kann, was ich mit Liebe eigentlich meine. Das war mein innerer Erkenntnisstand, als ich mich auf den Weg zur einem Treffen mit dem Projekt Die Zukunft der Liebe gemacht habe.

Die Zukunft der Liebe ist das diesjährige Rechercheprojekt des Jungen Schauspiels. Bei der Aktion geht es darum, dass das Junge Schauspiel an verschiedene Orte in die Stadt hinaus fährt, um mit den Menschen dort ins Gespräch zu kommen und sie zu interviewen. Danach wird aus den gesammelten Erfahrungen ein Theaterstück inszeniert. Dieses Jahr unter der Regie von Anne-Stine Peters und zum Thema – Liebe.

Ich bin dann in ein Altersheim gefahren. In meiner Vorstellung eigentlich kein besonders romantischer Ort. Man trifft sich hier zum Sterben. Allein natürlich, die Familie hat keine Zeit für einen und der Ehemann ist schon vor fünf Jahren vorausgegangen. Kann und will man in dem Alter überhaupt noch einen fremden Menschen lieben?

Eigentlich ganz interessant das Thema, ich beginne den Gedanken hinter der Aktion zu verstehen: Das Rechercheprojekt will unterschiedliche Perspektiven auf die gleiche Sache nebeneinanderstellen. Fremde Meinungen zu hören ist generell ja immer gut – bei diesen existenziellen Lebensfragen interessieren mich die Erfahrungen einer alten Oma sogar noch ein bisschen mehr, vielleicht kann man die ein oder andere Weisheit abgreifen.

Als ich reinkam, war gerade Kaffeezeit. In einer Ecke spielten vier Männer – oder Herren – Skat und waren auch nicht von dem Trüppchen Jungtheatervolk davon abzubringen, die gerade mit Plakaten und Videokamera für ihre Sache warben.

Eine ganz berührende Szene, eigentlich hätten wir (Jugendliche? Ich hoffe ich trete hier keinem auf die Füße), jeden Grund gehabt deplatziert zu wirken: Durchschnitt 20 vs. 70 Jahre – aber zum Glück kennt Liebe keine (Alters-)Grenzen. Da im Moment keiner der Herrschaften wollte, haben mich dann zwei Mädels gefragt, ob ich ihnen nicht ein Interview geben wollte. Ich habe zugestimmt („dann hab ich was, worüber ich schreiben kann“), und wir haben uns in die „Liebesecke“ gesetzt. Kamera an, und dann ging es los.

Es war eine seltsame Erfahrung. Am gleichen Abend habe ich dann einer sehr guten Freundin von mir (Johanna, schreibt auch für den Blog hier, z. B. „Alle tanzen mit dem Tod“) von dem Interview erzählt. Da sitze ich also in dieser Nische in einem Altersheim, die Heizung neben mir blubbert leise, und zwei junge Frauen, die ich vor zehn Minuten kennengelernt habe, fragen mich ganz persönlich und intim über Liebe aus und alles, was dazu gehört.

„Möchtest du Kinder haben?“ „Gehört Sex für dich zu einer Beziehung dazu?“ „Bist du auf Tinder?“ „Wie sieht deine Traumfrau aus?“

Und zehn Minuten lang war es nicht etwa peinlich, oder komisch, oder aufregend – sondern nur ehrlich. Und überraschend, denn über die meisten Dinge habe ich mir so konkret noch nie Gedanken gemacht und wurde dann von der Frage überrumpelt: „Gehört Sex für dich zu einer Beziehung dazu?“

…Keine Ahnung, ich bin bis jetzt immer davon ausgegangen, dass das einfach so passiert, weil wir jung sind und es alle so machen… Aber was ist, wenn Sex auf einmal nicht mehr geht? Oder gewünscht wird? Gibt es ja. Würde ich dann keine Beziehung mehr haben wollen? Wofür steht Sex eigentlich? Und ist Sex das einzige, was eine Liebesbeziehung von einer Freundschaftsbeziehung unterscheidet? Eigentlich geht es bei Sex doch um Intimität. Darum, einen anderen Menschen an sein Innerstes heran zu lassen. Und weil uns das verletzbar macht, teilen wir das nur mit den Menschen, die uns am wichtigsten sind. Oder mit einer betrunkenen Discobekanntschaft. Oder irgendwem von Tinder, aber das ist noch was anderes. Diese Intimität muss sich doch auch noch anders herstellen lassen! Ohne Sex, ganz bestimmt sogar! Vielleicht ist das mehr Arbeit, aber dann sogar umso intensiver?

„Nein, ich glaube nicht.“

Ich freue mich dann auf das fertige Stück. Vielleicht landet ja am Ende ein Satz von mir auf der Bühne. Jedem, der mal in sich gehen und mit anderen über seine persönlichen Ansichten zur Liebe reden möchte, kann ich nur empfehlen es zu tun. Man kann auch nur reden, ohne dass dann irgendwas davon verwendet wird. Bis zum 12.01. ist das Junge Schauspiel noch mit ihrer Aktion in der Kopernikusstraße beim Hafven und dann vom 15.01. bis zum 19.01. in der Marktkirche.

Am 5. April ist dann Premiere im Ballhof Zwei. Auf das Statement der Oma bin ich gespannt.

Foto: Katrin Ribbe

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