Girls don’t like Boys, Girls like Empowerment and Girlpower

Mit „Mädchen wie die“ bringt das Junge Schauspiel Evan Placeys Jugendstück mit wummernden Bässen, medialen Bezügen und einem Pool aus moralischen Fragen auf die Bühne des Ballhof Zwei.

Mit 16 hat fast schon jeder einen nackten Körper gesehen. Die Freund*innen, die ersten Partner*innen. Vielleicht peinlich berührt in der Biostunde, heimlich im Nachtprogramm auf dem elterlichen Fernseher oder, ganz einfach, im Internet. Pubertäre Entdeckungslust, gepaart mit noch kindlicher Neugierde, balancieren auf dem schmalen Grat zwischen konservativer Prüderie und der neuen sexuellen Freiheit. Zwischen Abtreibungsdebatte, „grab them by the pussy“ und #metoo müssen Mädchen ihre Körper entdecken und kontextualisieren: Heilige oder Hure, Mädchen als Adressatinnen überholter Moralansprüche. Zu diesen Mädchen gehören Scarlett und ihre Freundinnen. Zu den Mädchen, die nie vergessen. „Wir sind Mädchen. Mädchen sind schlauer als Hennen. Wir müssen nicht kämpfen. Wir kennen die Hackordnung.“ Doch eigentlich kämpfen sie alle. Die Mädchengruppe, die Bffs, die Gang, die Clique, in der man sich bestärkt, sich kennt, austauscht. Und wenn man einen Fehler begeht, von Freundin zu Feindin wird. Denn Scarlett hat ein Nacktfoto von sich gemacht. Nur, dass es in der ganzen Schule geteilt wird, das hat sie nicht gewollt.

Wer das verhängnisvolle Foto als Erster weitergeleitet hat, erfahren wir Zuschauer*innen am Premierenabend von Mädchen wie die nicht. Die Lawine, die Person X losgetreten hat, verselbständigt sich, das Echo grollt bis in die Vergangenheit und wirbelt Frauengeschichten des 20. Jahrhunderts auf. Die 80er begegnen uns als Jump’n’Run Game, der übergriffige Boss als Endgegner. Sexual harassment ist leider nur kein Spiel. Wir sehen eine Geschichte über einen nackten Körper, Smartphones, Cyber-Bullying, versetzt mit feministischen Episoden, Slut-Shaming und Gewaltdynamiken einer Gruppe Teenagerinnen. Die Theatersitze vibrieren durch die dröhnenden Hip-Hop-Bässe, zu denen die vier Darsteller*innen das Publikum choreografisch begrüßen. Mädchen wie die ist ein inklusives Theaterstück, dass sich dreier Sprechweisen bedient: Laut-und Gebärdensprache und Übertitelungen, die im wandelbaren Bühnenbild als ästhetisches Element auftauchen. Gebärdensprache, die eigenständig wirkt, Gesten, die man lesen kann, wie die vulgarisierte Bewegungen als tänzerischer Bestandteil. Lautsprache, die sich strukturell sexualisierter Sprachstrukturen bedient. Wir begleiten die Mädchen auf der Suche nach ihren sozialen Rollen. Das Schild auf dem der Name „Scarlett“ prangert und die Darsteller*innen abwechselnd tragen, erscheint nicht nur als Rollenzuweisung, sondern wird viel mehr zu einer Last und einer Ermahnung: Jeder könnte Scarlett sein. Jeder kann Täter*in sein.

Es hat eine lange, traurige Tradition, Frauen durch das Beschämen ihres Körpers oder ihrer Handlungen zu skandalisieren und zu verurteilen. „Wer sowas macht, ist eine Schlampe.“ Für Mädchen wie die, für Mädchen wie uns, sollte gelten: Wir sollten uns weniger beschämen. Wir sollten uns schämen, dafür, dass wir Ungerechtigkeiten zulassen.

Foto: Karl-Bernd Karwasz

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