Viel um mich, ein bisschen ums Theater und ein Halbsatz für die Emanzipation.

Aua, hatte ich schlechte Laune!

Ich komme rein, und der ganze Raum ist vernebelt. Ich hasse das, dieses widerlich stinkende Chemie-Zeug, ich werde immer krank von dem Scheiß!

Außerdem war ich einfach satt, ich hatte genug: Von der Zeit, vom Thema, von den Zwanzigern. Das war meine eigene Schuld, keine Frage. Im Moment habe ich viel mit Gustaf Gründgens am Wickel (dazu irgendwann vielleicht später mal etwas mehr), hatte gerade Babylon Berlin durchgeguckt, Kästners Fabian gelesen und eine ehemalige Mitschülerin hatte just ein Bild von sich mit Bobcut und einem Paillettenkleid auf Instagram gepostet #Party #twenties #roar! … Danke, das war’s für mich, ja, ich hab’s verstanden! Krasse Zeit damals, Depression, hoffnungslos und so, den einen Krieg noch nicht verdaut, der andere schon auf dem Teller, und wir saufen und vögeln um die Wette, damit wir bloß von uns selbst nichts mitbekommen.

Zusätzlich dazu, dass ich des Themas leicht überdrüssig wurde, plagten mich Selbstzweifel. Warum soll man überhaupt über eine einzelne Folge einer Serie schreiben? Wer macht denn das? Moviepilot vielleicht, die hauen dann eine „Drei-Folgen-Review“ raus, wenn die neue Netflix-Serie gestartet ist, damit man bloß der erste ist, der darüber schreibt. Und dann wird selbstverständlich gleich die gesamte Serie verrissen, ab besten schön laut und krass, denn das erhöht den Traffic. Und das nach drei Folgen…

Wenn überhaupt, dann schreibt man doch über eine ganze Serie, weil man dann das Gesamtwerk beurteilen kann. Man muss den Machern schon die Chance geben, einmal alles zu sagen, was sie zu sagen hatten, bevor man ihnen über den Mund fährt. Alles andere wäre unsportlich.

Was mir dann den Abend gerettet hat, war der Zauber des Theaters.

Auf mein Leben gerechnet, habe ich noch nicht viel Theater gesehen, aber, dank des Blogs in jüngster Zeit ein bisschen. Ich darf seit ein paar Wochen als Hospitant aktiv an der Inszenierung von Mephisto (Premiere am 15.02. Alle Hin!!) teilnehmen und habe mich in dem Zuge gefragt, worin eigentlich der Reiß des Theaters liegt, gerade auch im Vergleich zum Film. Was sind die Unterschiede, abgesehen vom Offensichtlichen.

Leider ist das, was mir bisher nur eingefallen ist, relativ banal: Ich finde, Theater ist wie Live-Musik. Film hat den großen Vorteil, und den damit direkt verbundenen Nachteil, dass er reproduzierbar ist. Einen Film kauft man, guckt man und stellt ihn sich ins Regal. Danach kann man ihn verleihen oder verschenken, obgleich – wenn wir ehrlich sind, ist das eine gleich dem anderen, wer hat jemals eine DVD dem befreundeten Besitzer zurückgebracht, die man sich nur „geliehen“ hatte? Bei mir hat diese Gewohnheit jedenfalls bereits so lange Tradition, mein ganzer Keller steht noch voller VHS-Kassetten. Besonders spaßig ist es immer, den geschätzten Bürgen damit von der eigenen Vertrauenswürdigkeit zu überzeugen, ihm als Anzahlung auf die Blu-ray von Blade Runner, seine Kassette von 1999 zurückzugeben versucht. Betroffene wissen jetzt Bescheid, aber ich schweife ab, liebe Grüße.

Von einer Theatervorstellung gibt es keinen Abzug. Ja, sogar noch nicht mal eine exakte zweite Ausgabe, denn ein anderer Abend ist – halt ein anderer Abend, die Energie ist eine andere, die Versprecher sind an anderer Stelle, der mittelalte Mann aus der Reihe vor einem mit dem nervigen Husten fehlt.

Theater wird gemacht, für diesen einen Abend, für diesen Moment und das macht das Erlebnis so exklusiv, weil man es mit maximal 300 anderen Menschen teilt. Na gut, sagen wir 70, wir waren ja in der Galerie.

Darüber hinaus ist Film ein manipulatives Medium und Theater eher stimulierend. Der Film versucht mich in seinen Bann zu ziehen. Mit Kameraperspektiven und Schnitten versucht er mich das fühlen zu lassen, was er mich fühlen lassen will… So grob… Beim Film bin ich also eher passiv, beim Theater muss ich aber mitmachen. Die Stimmen sind leiser, ich kann mir aussuchen, wo ich hingucke. Beim Theater muss ich mich für das Stück entscheiden und mich darauf einlassen. Bisher hab ich für mich zwei Arten von Theater entdeckt: Eines funktioniert eher kognitiv, das andere eher emotional.

„Regietheater finde ich interessant, aber Emotionstheater finde ich toll!“

Dieser Eindruck ist keinesfalls repräsentativ, aber wenn ich mich kurz bevor das Putzlicht ausgeht, im Zuschauerraum umgucke, sehe ich viele weiße Köpfe und ein paar Getönte. Und die Frisuren sehen so aus, als hätten die Träger mal studiert – und zwar zu Ende! Theater ist was Cooles, aber schon ein sehr elitäres Unterfangen. Sehr intellektuell. Ich mag das, aber meine Klassenkameradin geht stattdessen lieber feiern. Im Paillettenhemd zu Elektrobeats.

Es ist schon ein bisschen ironisch, dass sie das, was sie jetzt mit großem Aufwand zu simulieren sucht, auch einfach in Folge 7 und 8 von Eine Stadt will nach oben hätte haben können: Das Gefühl, wie es war, in den Zwanzigern zu leben, in Deutschland, in Berlin.

Erstmal weil die Welt für Karl, Rieke, Kalli und jüngst auch Herta eben nicht nur Champagnerkorken und und Big-Band-Swing bedeutet. Oh Wunder, es gibt auch echte Probleme. Die Regisseurin Lucia Bihler kreiert in der ersten Hälfte ein sehr schönes Bild, Karl kommt nach Hause, verwundet, psychisch und physisch mit einer Orthese… oder heißt es Prothese, mein Bruder wüsste das jetzt genau… die ihn kaum gehen, sondern nur humpeln lässt. Ausgehfertig geschminkt, mit schwarzer Wimperntusche und mit einem Hauch von fast nichts an, trifft er dann auf Rieke, die er eine Ewigkeit nicht angerufen hat. Zwischen den beiden ist es aus. Was für ein schöner Kontrast, da stehen sie in ihren Kostümen, die wir heute nur mit zügelloser guter Laune assoziieren, und es entwickelt sich trauriges Liebesdrama.

In dieser großartigen Inszenierung bekommt man als Zuschauer tatsächlich die echten Gefühle! Auf der Bühne – oder sagen wir eher Treppe – steht ein echter Karl, der bitterlich damit zu kämpfen hat, dass er als Ehemann nichts taugt, als Geschäftsmann aber ebenso erfolglos ist und wir als Zuschauer sitzen davor und sind voll drin und erleiden die Trauer und die Enttäuschung direkt mit – weil wir eben nicht mit Perspektivwechseln und Fremdtextzitaten befeuert werden, die wir dann schön in unserem Oberstübchen zusammensetzen sollen – hier dürfen wir einfach unmittelbar dabei sein, die Schauspieler sind zum Greifen nah, ziemlich wortwörtlich.

Aber Frau Bihler lässt nicht zur emotionale Nähe zu, sie bohrt auch ein paar dicke Bretter. Thematisch geht es in dem Stück um die Emanzipation der Frau, den #FirstWaveFeminism. Ich habe keine Gender Studies studiert, aber ich glaube, damals ging es um die Unabhängigkeit vom Mann, um das Aufbrechen von gesellschaftlichen Konventionen und auch die Art zu Lieben hat sich umgekrempelt. Karl trifft mit Herta auf eben eine solch moderne Frau und kommt damit überhaupt nicht zurecht. Er liebt sie, doch sie liebt ihn…. Manchmal. Er ruft sie an, doch sie schreibt nicht zurück. Sie hat Privatvermögen, investiert in sein Unternehmen… doch heiraten will sie ihn nicht, bitte was?! Karl ist mit der Gesamtsituation unzufrieden und überfordert, am Ende gibt es einen schönen Cliffhanger.

So ein Theatererlebnis wie in Folge 7 und 8 hatte ich bisher noch nicht. Folge 5 und 6 waren gut, aber anders; größer, weiter weg. Hier war ich mittendrin, statt nur dabei und zum ersten Mal konnte ich nachvollziehen, wie Theater besser sein kann als Film.

Foto: Isabel Winarsch

 

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