Der Flatrate-Segen

Nenne mir ein Stück aus der letzten Spielzeit des Schauspiels Hannover. Tja, wärst du Student der Germanistik oder gar des Darstellenden Spiels wüsstest du vielleicht eins. Oder wenn du von Freunden ein Junges Abo geschenkt bekommen hast und tatsächlich die Muße hattest, eine Karte davon einzulösen. Oder wenn deine Oma in Hannover wohnt und du ihr zuliebe ab und zu mit ins Theater gehst. All diese und die vielen anderen guten Gründe ins Theater zu gehen, bewegen nur die wenigsten von uns, am Abend die Couch zu verlassen, Netflix den Rücken zu kehren und aufzubrechen. Auch ich sitze heute Abend lieber auf der Couch und schreibe diesen Text über das Theater anstatt es zu besuchen. Je nach Bundesland und persönlichem Enthusiasmus haben wir in der Schulzeit im Schnitt an die fünf deutsche Klassiker gelesen. Faust wahrscheinlich, Die Räuber vielleicht und dann noch eins, was man bis dahin nicht kannte und dessen Titel man nach der Klausur auch direkt wieder vergaß. Wenn der kulturell wenig bewanderte Durchschnittsstudent nun Ablenkung vom Lernen suchend tatsächlich einmal die Homepage des Schauspiels aufruft und nach Stücken Ausschau hält, die er besuchen könnte, scheitern wir oftmals schon an den Namen. Andorra (klingt wie etwas, das ich mal kannte…), Mephisto (War das nicht dieser Pudel?), Extrem laut und unglaublich nah (Der Film war so süüüß), Der Hals der Giraffe (ist lang…?), Geächtet (Puh….), Die Gerechten (Bestimmt harter Tobak). The struggle is real. Und wie war das nochmal mit den Karten? Da muss ich mich sicher irgendwo als Student registrieren und irgendwelche Regelungen beachten, oder?

Wisst ihr noch damals, als man noch DVDs kaufte und geschlagene 20 Euro pro Stück zahlte? Da hat man sich auch ganz genau überlegt, welche man kauft. Meist waren es die Filme, die man schon im Kino gesehen hatte. Oder die, deren Buchvorlage man gelesen hatte. Oder – wenn man sich ungern auf seine eigenen Instinkte verlässt – die, die im Internet für gut befunden wurden. Bloß keinen Mist kaufen! Seit Netflix sieht das anders aus: Flatrates machen was mit uns. Plötzlich ist die Schwelle, die es zu etwas Neuem zu überspringen gilt, ganz klein. „Das Vorschaubild sieht ganz nett aus, da schau ich mal rein.“ Keine 20 Euro mehr, keine Qual der Wahl, kein Risiko. Anmachen, reinschauen, Meinung bilden.

Ab 01.03. haben fast alle Studierenden in Hannover dieselbe Möglichkeit, was das Schauspiel betrifft.

Wir müssen keine Stücke mehr am Namen erkennen oder gar das Buch gelesen haben. Wir müssen uns nicht vorbereiten, nicht das Maximum aus dem Theaterbesuch herausholen, kein großes Event daraus machen, nicht mehr lange vorher planen. Der Grund ist einfach: Wir müssen keinen Eintritt mehr bezahlen. Lasst uns ins Theater gehen, als würden wir Netflix einschalten. Lasst uns Neues, Unerwartetes, Gutes und Schlechtes sehen, uns eine Meinung darüber bilden oder einfach nur genießen.

Wie das alles geht? Erklären wir HIER

Foto: Vertragsunterzeichnung mit Vertreter*innen der Asten sowie Lars-Ole Walburg (Intendant des Schauspiel Hannover) Jürgen Braasch (Kaufmännischer Geschäftsführer der Niedersächsischen Staatstheater Hannover), Copyright: Katrin Ribbe

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