Das Verwirrspiel des Mephisto

Dem Regisseur Milan Peschel schien ein Stein vom Herzen gefallen zu sein, als er nach der Premiere von Klaus Manns Mephisto auf die Bühne kam. Mit einer Umarmung dankte er am Ende des Stücks vor dem anhaltenden Beifall des Publikums nacheinander allen Mitwirkenden. Die Anspannung war groß, nachdem die um sich greifende Grippewelle auch die Schauspieler*innen nicht verschont und somit vor der Aufführung den Hinweis nötig gemacht hatte, dass zur Not ein wenig improvisiert werden müsse.

Ob dieser Fall gerade eintritt, war mir während des Stücks kurioserweise nicht immer klar. Schon recht früh kam der erste irritierende Moment. Bei den anfänglichen Szenen war ich noch etwas bemüht, die zahlreichen Rollen den Schauspielern zuzuordnen. Irgendwann war ich so weit, jetzt ergibt es Sinn, dachte ich. Szenenwechsel. Doch plötzlich schlüpft eine Schauspielerin in die Rolle des Protagonisten Hendrik Höfgen. Erkältungsbedingte Improvisation? Wie sich herausstellt: nein. Es ist nur eines der Verwirrspiele, die die Inszenierung für das Publikum bereithält.

Die Handlung, die an ein paar Stellen von der Romanvorlage abweicht, beginnt in den späten 1920er Jahren am Hamburger Künstlertheater, an dem der junge Schauspieler Hendrik Höfgen arbeitet. Bei sich ankündigender Herrschaft des nationalsozialistischen Regimes sympathisiert er anfänglich noch mit seinen überwiegend politisch linken Kollegen und geht kurzzeitig ins Exil nach Paris. Er nutzt jedoch den Einfluss der ursprünglich von ihm als „Provinzschauspielerin“ verspotteten Lotte Lindenthal aus, deren Gatte Fliegergeneral ist, um nach Berlin zurückzukehren und am Preußischen Staatstheater Karriere zu machen. Sein beruflicher Erfolg verstärkt jedoch allenfalls die Dissonanz in seinem Inneren, die sich auch im Schlussakkord nicht auflöst. Das Stück erzählt die Geschichte einer erfolgreichen Karriere und einer gescheiterten Persönlichkeit. Anders als in Klaus Manns Roman ist es mehr eine Warnung vor als eine Abrechnung mit der Figur des opportunistischen Karrieristen.

Um beim Publikum diese Botschaft zu vermitteln, wagt die Regie eine kreative Inszenierung. Dazu gehören neben der angesprochenen Mehrfachbesetzung der Rolle Höfgens (bei der fleißig zwischen den Schauspielern durchrotiert wird) auch Experimente mit Elementen des Films. Die Darstellenden treten hinter die Bühne und ihre Reaktion wird auf die Leinwand zurückgeholt. Häufig tauchen Bezüge zu anderen Texten auf, etwa zu Goethes Faust, und es findet dabei ein Theater im Theater statt, bei dem Höfgen seine Paraderolle spielt, die passenderweise die des Mephistopheles ist. Die eingesetzten Elemente tragen dazu bei, dass die Linien zwischen den verschiedenen Ebenen verschwimmen. Welcher Schauspieler spielt gerade Höfgen, an wen genau richtet sich gerade das auf der Bühne Gezeigte? Es wird zunehmend schwierig den anpassungsbequemen Höfgen wiederzuerkennen, wo er steht und woran er glaubt und ob er das alles eigentlich noch selber weiß. Es gibt viele offene Fragen, deren Beantwortung Interpretationsspielraum lässt und dem Publikum einiges abverlangt.

Phasenweise nimmt das Stück an Fahrt auf, etwa wenn bei kaleidoskopartigem Lichtspiel Eindrücke aus dem Leben Höfgens gezeigt werden oder bei schnellen Szenenwechseln auf der rotierenden Drehbühne überall gleichzeitig die Handlung vorangetrieben wird. Diese Momente tun dem Stück gut und helfen dabei, es über die gut drei Stunden seiner Spieldauer zu tragen.

Es ist alles in allem eine mutige Umsetzung, getragen von der durchweg überzeugenden schauspielerischen Leistung der Darsteller*innen. Wie ich es finden sollte, wusste ich nach dem Stück zunächst selber nicht. Zu viele Fragen, die  mit anderen diskutiert oder auf dem Heimweg beantwortet  werden wollten, drängten sich noch auf.

Die Komplexität der Inszenierung verwirrt den Zuschauer beizeiten und lädt ihn zum Nachdenken ein, ja, sie zwingt ihn dazu. Wenn das funktioniert, hat das Stück sein Ziel erreicht.

Foto: Karl-Bernd Karwasz

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