Tschick: Standing Ovations für den Mainstream

An jenem Abend, an dem ich mir die Interpretation des Jungen Schauspiels Tschick, basierend auf dem Jugendroman, den ich schon in der Schule las, anschauen wollte, war ich spät dran.

Eigentlich wollte ich früh genug da sein, denn es hieß, die Vorstellung wird sehr voll. Kein Wunder, denn viele Schulklassen pilgern ins Theater, weil sie ebenfalls das Buch gelesen haben oder zumindest so getan haben.

Jedenfalls unterhielt ich mich mit einem jungen Pärchen, das gerade auf dem Weg zum Ballhof war, um sich den Jungen Figaro anzusehen, denn in meinem Glauben fand die Vorstellung im Ballhof statt. Naja, mir sei verziehen, es gibt auch Leute, die an Gott glauben. Das sollte übrigens nicht das einzige Mal sein, dass ich mich in der Tür irrte und ich denke, das könnte sich zu meinem Running Gag mausern. Auf die Frage, was ich mir denn anschaue, antwortete ich also selbstverständlich Tschick. Mit einem leicht verächtlichen Schnauben sagte der weibliche Part des jungen Pärchens daraufhin: “Das läuft aber auch schon zum hundertsten Mal, oder?”

Ja, mag sein, dass Tschick ein Dauerbrenner ist, aber vielleicht mit Berechtigung, dachte ich mir. Und warum muss das schlecht sein? Warum sah diese junge Dame auf dem Weg zum Jungen Figaro mit solcher Abneigung auf das Mainstream-Stück Tschick herab? Warum muss ein Stück, das die breite Masse anspricht, schlecht sein? Allein dieser Satz ist derart paradox, dass mir die junge Dame sofort sehr unsympathisch war. Und dass, obwohl sie ihre Verachtung gegenüber Tschick nur implizit andeutete, der Rest war nur der Teil, den ich mir dazu dachte.

Überspringen wir kurz den Part, in dem ich realisiere, dass ich bei der falschen Bühne bin, in Rekordzeit durch die Stadt sprinte und es gerade rechtzeitig zum Einlass schaffe. Der Saal war voll, voll mit Schülern, wie prophezeiht. Nun ist es ja kein Geheimnis, dass die Mehrzahl der Schüler, wie man ja auch aus eigener Erfahrung weiß, Theaterbesuche äußerst ätzend findet. Stillsitzen und Kultur. Nein, danke! Dementsprechend unruhig war es schon ab und an während der Vorstellung. Aber das interessierte mich nicht wirklich. Die Schüler waren nicht viel nerviger als ihre Lehrer, die mit überspielter Autorität um Ruhe baten.

Umso fantastischer war das Stück. Ein Stück über die Unruhe der Jugend, das Erwachsenwerden und eine Reise durch Deutschland, die nur schlecht ausgehen kann.

Ich hatte mir am Tag zuvor den Film von Fatih Akin angeschaut, um mir das Buch ins Gedächtnis zu rufen. Das gelang, denn ich realisierte wie schlecht der Film im Vergleich zum Buch ist. Ja ja ja, ich meckere, dass das Buch besser war als der Film, sehr innovativ, ich weiß. Umso besser hat es das Stück gemacht! Trotz limitierter Möglichkeiten auf der Bühne schaffte es das Ensemble die Emotionen des Buches besser zu transportieren und zu adaptieren als der Film mit angemessenem Budget. Ein Beispiel: Der Lada, das Auto, mit dem die beiden jugendlichen Protagonisten Deutschland bereisen, war im Buch beinahe ein eigener Charakter und auf der Bühne nur durch eine Bank symbolisiert, dabei aber präsenter als im Film, der selbstverständlich mit einem echten Lada auffahren konnte.

Darüber hinaus waren Hauptdarsteller, obwohl 20 bis 30 Jahre älter als die Charaktere aus dem Roman, um ein vielfaches authentischer und passender gewählt als die Pendants im Film. Und durch die Begrenzungen des Theaters waren es dann auch insgesamt nur zwei Schauspieler und eine Schauspielerin, die alle Rollen übernahmen, dabei wie ein Tennisball zwischen verschiedenen Charakteren hin und her sprangen und doch niemals für Verwirrung sorgten. Das ist doch wahre Unterhaltung!

Ich musste an die junge Dame im Jungen Figaro denken und ob sie wohl so viel Spaß hatte wie ich. In der Reihe hinter mir leuchteten während der finalen Szene Smartphones wie Feuerzeuge im Stadion auf. Beim letzten Bild, mit dem das Publikum aus der Vorführung entlassen werden sollte, stockte mir der Atem und mein Herz schlug bis zum Hals. Eine wahre Achterbahnfahrt. Standing Ovations für den Mainstream.

Foto: Arzu Sandal

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s