Nicht klausurrelevant

Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte alles verstanden. Das gilt vor allem für die Vorlesung, die ich momentan jeden Morgen besuche, aber eben auch für das Stück, das wir als AStA der MHH neulich Abend besuchen durften. Mit der frisch eingeweihten Theaterflat wollten wir uns die Gelegenheit nicht nehmen lassen, zu den ersten Besucher*innen zu gehören. Und weil wir das Maximum herausholen wollten, suchten wir uns das aktuell wahrscheinlich längste Stück des Schauspiels aus: Mephisto.
Nun, was soll ich sagen. Vieles an diesem Abend hat mich an die Uni erinnert. Gerade noch pünktlich huschen wir in den Saal und werden von unseren überpünktlichen Sitznachbarn mit einem missgünstigen Blick empfangen (‚Wir versuchen uns hier zu konzentrieren!‘).
Es folgen: Völliges Unverständnis darüber, wie die dargeboten Inhalte einzuordnen sind, bis zu dem Moment, in dem ich ein Faust-Zitat erkenne. Yes! Vielleicht bin ich doch nicht ganz unvorbereitet. Kurze Zeit später wieder Ernüchterung. Falscher Alarm, plötzlich geht es um Nazis, die kamen im Faust nicht vor. Ich bin mir da fast sicher.
Dann fast schon grölender Jubel im Saal, als eine Frau mehrere Biere hintereinander wegext. Das entfacht neues Feuer in meiner feministischen Studentinnenseele! Zeigs denen!
Das Stück driftet ab, ich drifte ab, viele andere im Saal auch. Es ist abermals wie in der Vorlesung. Die einen können folgen, die anderen versuchen’s verbissen und dann ist da die dritte Gruppe, die nach wenigen Misserfolgen einfach resigniert und nur aus schlechtem Gewissen sitzenbleibt. Könnte ja noch was Wichtiges passieren.
Pause. Wir nutzen die Zeit, um uns beim Dozenten einzuschleimen: „Wann kommt denn dieser Milan Peschel auf die Bühne? Wir haben gelesen, dass er ein ganz bekannter Schauspieler ist.“ – „Ähm, der führt hier Regie, der kommt nicht auf die Bühne.“ Mist, das ging nach hinten los.
Ein paar Studierende nutzen die Chance und verlassen das Theater. ‚Den Stoff kann ich zu Hause in der Hälfte der Zeit lernen. Jetzt ist erst mal Zeit für ein Bier.‘
Die zweite Hälfte beginnt damit, dass wir einige Minuten herzhaft angelacht werden. Fällt in die Kategorie: Ich weiß immer noch nicht, was er mir sagen will, aber er scheint sympathisch!
Der Saal ist zwar leerer, aber eine Veranstaltung ist ja auch erst dann richtig gut, wenn nur noch die wirklich Interessierten da sind – so wie ich, ha! Direkt werde ich mit dem Erkennen eines Hamlet-Zitats in meiner Selbstsicherheit bestärkt. Läuft!
Am Ende drifte ich wieder ab: gut, ehrlich gesagt habe ich nicht alles verstanden. Aber die relevanten Grundlagen kann ich mir ja noch anlesen. Und in der Sekundärliteratur scheine ich ja total fit zu sein. Prüfung wird also kein Problem.
Äh; Prüfung? Da habe ich wohl ein paar Parallelen zu viel gezogen. Schließlich ist der Theaterbesuch nicht klausurrelevant. Entspannt schiebe ich das Gesehene erst mal beiseite und wir machen uns auf den Heimweg. Und mit der neuen Theaterflat kann ich mir nun sogar überlegen, dem Mephisto einfach eine zweite Chance zu geben – oder eben einem anderen Stück!

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