„Dialog unter Schwerhörigen“ – Das ABC der Demokratie mit Aleida Assmann

Talkshows langweilen mich. Medien, die Talkshows präsentieren, haben aufgehört sich selbst und mich ernst zu nehmen und dem Zuschauer ein gewisses Niveau zuzutrauen. Etwas, bei dem ich vielleicht ein bisschen mehr ins Nachdenken und weniger ins Urteilen komme. Da sitzen immer Politiker und sogenannte Experten und machen das, wofür sie da sind, nämlich niedrigschwellig Politik und Werbung, vor allem aber niedrigschwellig. Und es braucht einen nicht zu wundern, wenn jeder Termin des ABC der Demokratie ausverkauft und bis auf den letzten Platz besetzt ist. Weil es nämlich ein Format inszeniert, bei dem ich nicht alles schon vorher weiß und gerade das den Reiz ausmacht.

Aleida Assmann sprach über Chronik. Dass Menschen sich tendenziell eher ungern an Unangenehmes erinnern, an Peinlichkeiten, Niederlagen. Es gibt keine U-Bahn-Station in Paris zur Erinnerung an Waterloo, es gibt sie in London, sagte sie. Erinnern ist kein solipsistischer Prozess, sondern bestimmt von einem sozialen Rahmen, der sich zuletzt in den 90ern verändert hat, mit dem Fall des Kommunismus. „Je größer die Gruppe, umso größer der Ausschluss.“

Bis dahin herrschte in Europa das monologische nationale Gedächtnis. Es gab kein europäisches Masternarrativ. „Erinnert wird, was die Gruppe stärkt.“ Ein permanenter Dialog unter Schwerhörigen. Mit der Öffnung der Archive nach dem Mauerfall aber, entstand ein Interesse am Negativen, an den Opfern, es entstand ein selbstkritisches Geschichtsbild im Gegensatz zum selbstfördernden. Österreich, Frankreich, Polen sind nicht mehr nur Opfer der Deutschen, sondern auch Täter. Das ist doch mal was, denkt man.

Die Organisation der Erinnerung sei entscheidend, erklärte Frau Assmann. Stellt man eine Kerze von einer Ecke in die andere werden nicht beide Ecken beleuchtet. Stellt man aber viele verschiedene Kerzen in den Raum, dann entsteht eine Art multidirektionale Erinnerung oder dialogische Erinnerung. Jedes Land in Europa ist gleichzeitig Opfer und Täter. Dieses Narrativ ist jetzt wieder gefährdet, oder im Abstieg. Es gibt einerseits kein europäisches Masternarrativ, nur ein paar vage formulierte, aber eher latent vorhandene Maximen und andererseits geraten in Fällen massenhafter Zuwanderung neue Erinnerungen in einen bestehenden Rahmen. Es bestehen innerhalb des selben Rahmens einander widersprechende Erinnerungen. Täter- und Opfererinnerungen. Der Rahmen schließt folglich nicht mehr alle bestehenden Erinnerungen mit ein und muss neu angepasst oder klar verengt werden.

Da enden meine Notizen.

Man könnte noch vieles über Frau Emckes Vater erzählen, über den Ehemann von Frau Assmann, über die Verwendung des Wortes Biodeutsche, den Kolonialismus und ein wenig Feminismus. Aber darum geht es hier ja nicht. Es geht um den Dialog. Oder noch mehr: Es geht um das Format, das so etwas wie eine Erinnerung an die Praxis des sokratischen Dialoges neuinszeniert und man denkt an Nietzsche und an Europa und das Zitat, das Frau Assmann zum Beginn und Ende ihres Vortrages angebracht hat:

„,Das habe ich getan‘, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben — sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich — gibt das Gedächtnis nach.“

Das Foto zeigt Gastgeberin Carolin Emcke, Copyright: Irving Villegas

Die nächste Folge des ABC der Demokratie mit der Soziologin Eva Illouz zum Thema Demokratie 2.0 findet am 13.06.2018 statt.

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