DIE EDDA – oder: Loki, das Chaos und ein Haufen Deko

Mit dem Erdbeben von Lissabon 1755 galt Leibniz‘ Ansicht, wir lebten in der besten aller Welten als hinfällig – was eine ganze Reihe weitreichender Konsequenzen hatte: Voltaires Candide, Kleists Erdbeben in Chili usw. Weil einfach nicht mehr klar war, wie ein einziger, für alles verantwortlicher Gott, so etwas Schreckliches (nicht nur zulassen, sondern) verursachen konnte. Da gelangte man mit seinem Monotheismus an eine Grenze. Da war nicht mehr viel. Die Erzählung vom Teil der Kraft, die stets das Böse will und so weiter, kam darin der nordischen Sage vielleicht noch am nächsten. Dem wissenschaftlichen Menschen von heute mag das lächerlich erscheinen, weil er zu sehr an die Erzählung von tektonischen Platten glaubt, die sich verschieben, was zu all diesen Konsequenzen führt, die man als Katastrophen und Unglücke bezeichnet. Aber das Warum fehlt ihm symptomatisch. Da ist kein Gott und kein Mephistopheles, da ist kein Poseidon und kein Loki.

Das Halbwesen Loki, verantwortlich für Baldurs Tod, verwandelt sich in einen Lachs, um der Rache der Götter zu entgehen, wird gefangen und in eine Höhle gesteckt. Dort platzierte man eine Schale mit Gift über seinem Kopf. Bei jedem Tropfen der auf ihn fiel, krümmte er sich so vor Schmerzen, dass die Erde bebte.

So eine Erzählung findet einen Verantwortlichen, etwas, das dem Prinzip eines Willens gehorcht und nicht der Willkür. Und obwohl er scheinbar damals sehr unbeliebt war, tritt Loki nicht als das personifizierte Böse auf, sondern als ein vielschichtiger Charakter der das Chaos repräsentiert und damit den Fortschritt. Er ist der Parallelentwurf zu einem Weltbild, deren einzige Erzählung das undurchschaubare Chaos ist, in dem man kalt und mit Zollstock ausgestattet über Tote hinweggeht. Einem Weltbild das glaubt, alles werde einmal gut, wenn erst alles messbar ist.

Loki ist dagegen unberechenbar. Er steht dafür, dass es weitergeht, bis zum Untergang, bis zum Ragnarök, wo er befreit wird und im Tod sein Ende findet. Wo nicht mehr nur das Chaos wütet. Und auch nicht der einzige Gott.

Das Foto zeigt Philippe Goos als Loki in der Inszenierung Die Edda von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason, Copyright: Katrin Ribbe

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