Die Vielzahl der Ebenen

Perplex von Marius von Mayenburg ist genau das, was es verspricht. Ein Titel, der genau so gemeint ist. Nach dem Stück oder besser gesagt schon währenddessen, ist der Zuschauer überfordert mit den Handlungssträngen, obwohl es Situationen sind, die jeder schon einmal erlebt hat. Wenn die Familie aus dem Urlaub zurückkehrt – die Blumen wurden freundlicherweise von den Nachbarn gegossen; doch dann der Wendepunkt. Ebendiese Nachbarn sind nun der Ansicht , dass die vertrauten vier Wände nun die ihrigen sind und man, ohne mit der Wimper zu zucken, aus der eigenen Wohnung geschmissen wird. Immer wieder kippt die Situation ins Groteske. Immer wieder Szenenumbrüche. Doch es ist genau dieses Stilmittel, was der Geschichte so viel Tempo und Rasanz bringt.

Neben dem Tausch der Rollen auch eine immer wieder wechselnde Beziehung der Figuren untereinander. Dies bringt eine gewisse Perversion mit in das Stück. Nur unterschwellig wird betont, was ohnehin schon alle gedacht haben. Auf politischer, sexueller, gesellschaftlicher und philosophischer Ebene. Aber darum soll es gar nicht gehen. Viel zu neutral der Ausdruck, zu grotesk die Situation. Fällt man in den Glauben, die aktuelle Szenerie verstanden zu haben, Schnitt, Szenenwechsel. Doch man kann sich sicher sein: Jedes Element ist genau an seinem Platz, denn es wird später wieder aufgegriffen. In einer ganz anderen Szenerie, mit anderen Figuren, in einem anderen Kontext. Dennoch ist nicht erwartbar, was passieren wird.

Was ist erlaubt, was verboten oder zensiert in der Welt dieses Stückes? Keiner weiß es, immer wieder wird dieses Regelwerk neu enthüllt. Aber deswegen muss es noch lange nicht heißen, dass keine Tabus gelten. Ein sich immer weiter drehender Kreisel voller Fulminanz, Witz, Freiheit und manchmal eben auch nur Normalität. Denn am Ende reißt der Faden ab. Nicht für die Dramaturgie, sondern für den nicht enden wollenden Zirkel neuer Ideen. Gefestigt am Boden, als hätte jemand den Schalter umgelegt, finden sich wieder alle in Hannover, in Cumberland und proben ein Stück, was ihnen doch nicht gelingen möchte. Der Regisseur hat es sich anders überlegt. Die Bühne wird abgebaut, alles nahtlos. Genauso wie das Spektakel seinen Lauf genommen hat, so endet es. Überraschend allemal und an vielen Stellen ist der Zuschauer einfach wie geblendet.

Es fällt mir schwer, etwas über dieses Stück zu schreiben. Zu sehr bin ich verlockt, einfach Beispiele für meine Erlebnisse aus diesen 90 Minuten Theaterbesuch zu bringen. Doch diese können nur aus dem Stück selber entstammen, um der Beschreibung gerecht zu werden. Es ist, trivial gesagt, einfach eine Freude, diesem Treiben zuzusehen, zu schmunzeln und verblüfft zu sein. Denn viele Menschen würden mit der folgenden Aussage einverstanden sein: In seinem eigenen Leben steht man nur ungerne verblüfft oder erstaunt da. Zu schön, dass Marius von Mayenburg es geschafft hat, mit diesem Gefühl einen Abend zu füllen, der sich für den Zuschauer nur von seiner angenehmen Seite zeigt.

Foto: Katrin Ribbe

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