„…und ich war so nah dran“

Gedanken zu Mathias Max Herrmanns Das Wohnzimmer meines Lehrers

Noch nie habe ich mich mit Mülheim an der Ruhr auseinandergesetzt. Zu Recht, wie ich finde, denn es klingt nicht gerade verlockend. Doch wie Mathias Max Herrmann über seine Heimatstadt spricht, lässt mich an mein eigenes Heimatdorf denken. Wie er die Straßen beschreibt, die Gebäude, Gerüche, wie der Weg durch den Garten mit Waschbetonplatten ausgelegt war. Kindheitserinnerungen kommen in mir auf und ich würde fast wetten, dass das an diesem Abend nicht nur mir so ging. So viele Momente stecken in unserer Erinnerung fest und wenn man sie rauslässt, nennen wir es Nostalgie. Mal davon abgesehen, dass ich ungern in Erinnerungen schwelge, weil sie leicht das trügerische „Früher-war-alles-besser“-Gefühl aufkommen lassen, fühle ich mich unwohl dabei, wie Mathias Max Herrmann mir die Details seiner jugendlichen Heimat ausbreitet. Was geht mich das an? Diese Informationen sind viel zu intim, zu viel Nähe für so einen Abend. „Und ich war so nah dran“, sagt Herrmann selber einmal während des Stücks. Über das Leben seines Lehrers. Wie er bei ihm im Wohnzimmer saß, zwei-, dreimal die Woche und in den privaten Raum eines zuerst fremden Mannes eintauchte. „Das Betrachten der Welt vom Privaten her“ heißt sein Solo-Abend in Cumberland. Das Private betrachten wir hier tatsächlich. Aber was hat ein Wohnzimmer in Mülheim an der Ruhr mit der Welt zu tun?

Mir kommt eine Lesung in den Sinn, der ich einmal beiwohnte. Sie hieß Am Boden und erzählte von einer Kampfpilotin, die von ihrer F-16 schwangerschaftsbedingt in das „Cockpit“ einer Drohne wechseln musste. Statt, wie bisher, direkt über dem Kriegsgebiet auf Feinde zu schießen, saß sie ab dann sicher in der amerikanischen Wüste und zielte per Fernsteuerung auf tausende Kilometer entfernte „schwarze Punkte“, die wie Terroristen aussehen. Aus der Distanz fällt es erwartungsgemäß leichter, Menschen zu töten. Schwieriger wird es im Nahkampf. Unmöglich erscheint es, wenn das Gegenüber vorher eine Stunde und 20 Minuten erzählt hat, wie sich der Waschbeton im Garten seines Lehrers unter den  Füßen anfühlte. So ungemütlich uns diese Nähe im ersten Moment vorkommt, so sehr beeinträchtigt sie uns doch im Denken: Vor mir steht ein ganzes Menschenleben. Mit Hochs und Tiefs, mit Eltern, Kindern, Freunden, Erinnerungen.

Vom Krieg erzählt Herrmann auch an diesem Theaterabend. Genauer gesagt von Israel und Palästina, von Unabhängigkeit, von Revolution. Und davon, dass er all die Jahre, die er zwei-, dreimal die Woche im Wohnzimmer seines Lehrer stand, keinen Schimmer davon hatte, was dieser in seiner Heimat alles erlebt hatte. Warum weiß ich nichts darüber? Über diesen Lebensabschnitt meines Lehrers?

Die logische Konsequenz ist für ihn, sich auf den Weg nach Israel zu machen: mit Menschen zu sprechen, die vielleicht mehr darüber wissen. Wir können nicht immer reisen. Es bleibt nicht die Zeit und das Durchhaltevermögen, jeder biografischen Nische eines Anderen nachzugehen. Vielleicht reicht es aber schon, sich in Gedanken auf den Weg zu machen: Wie mag wohl seine Kindheit gewesen sein? Was für ein Verhältnis hatte er wohl zum Krieg?

Je mehr biografische Tiefe wir erreichen, desto klarer wird: Ein Menschenleben ist so viel mehr, als das, was wir im ersten Blick sehen können. Als Hermann den Umzugswagen vor dem Haus seines Lehrers stehen sieht und zuschaut, wie die Möbel eingeladen werden, kommt ihm ein ähnlicher Gedanke: „Wie hatte das bloß alles in dieses Haus gepasst?“.

Foto: Mathias Max Herrmann, hineinmontiert in den Film He walked through the fields, bei dem sein ehemaliger Lehrer Yoseph Millo Regie führte und selbst mitspielte.  Die Fragen, die er ihm früher nicht gestellt hat – sie bleiben unbeantwortet, denn Millo ist bereits 1997 gestorben. © Katrin Ribbe

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