smash the patriarchy

Stefanie Sargnagel – ihres Zeichens Künstlerin, Autorin, Mitglied der Burschenschaft Hysteria, Beobachterin und Internet-Königin – beehrte am vergangenen Dienstagabend das Hannoveraner Publikum im Ballhof.

Allerdings erst nach anfänglicher Verwirrung, ob der kommentarlos die Bühne betretenden und ohne sich vorstellenden Puneh Ansari, die ihre Lesung nur unterbricht, um auf ihrem Handy die abgelaufene Zeit zu überprüfen – „Heute gehts schneller irgendwie“.  Puneh Ansari spinnt ein immer dichter und abstruser werdendes Netz aus Gedankengängen über blutrünstige Meerschweinchen, die es zu züchtigen gilt, und Fragen nach der Notwendigkeit Kinder zubekommen, nur um des geregelten Tagesablaufs willen.

Im fliegenden Wechsel übernimmt nach etwa einer Dreiviertelstunde Stefanie Sargnagel das Zepter und weist das Publikum in das weitere Geschehen ein. Eine kurze Einführung über ihren Werdegang – Studentin der Bildenden Künste, Mitarbeiterin in einem Callcenter, Geflüchtetenhilfe, Freiberuflichkeit – gespickt mit Meilensteinen, ihren Büchern. Zunächst im Internet durch Facebook- und Twitterpostings auf sich aufmerksam machend, später für Online-Magazine schreibend, geriet sie schließlich in das öffentliche Interesse der Wiener Boulevard-Presse, die ihre überspitzen Tagesmeldungen verdrehten und einen Shitstorm auslösten.
Statusmeldung reiht sich an Erklärung reiht sich an Anekdote reiht sich an Kurzessay reiht sich an die Erklärung dialekttypischer Redewendungen. All dies erzählt Stefanie Sargnagel in ihrem wienerischen Dialekt gespickt mit einer angemessenen Prise Arroganz.

Zwischen kurzen Kundengesprächen aus Callcenter-Tagen und der Forderung nach dem absoluten Matriarchat, verwebt Stefanie Sargnagel einzelne Positionen und kurze Einblicke in ihren Alltag. Der Ausbruch aus der eigenen Filterblase, der jedoch nur in den heimatlichen Sprachhabitus führt, bietet einen kleinen Exkurs aus der Welt, in der die theoretisch schon so viel weiß, gesittet, politisch korrekt und höchst akademisch, in die Realität. Die Frage nach der Notwendigkeit einer political correctness steht hier nicht zur Debatte oder stößt auf Verständnislosigkeit.
Ein Spagat zwischen dem vermeintlich wilden Künstlerinnenleben und der Realisierung, dass das Erwachsensein zu viel Verantwortung birgt und mit Zwängen einhergeht, die statt einer Selbstfindung manchmal eher einer Selbstgeißelung gleichen. Yoga für die innere Ruhe und Gelassenheit, Abstinenz für die eigene Bewusstwerdung, Psychotherapie, um all das zu verkraften. Wer kann sich hier noch Gedanken über eine angemessene Wortwahl machen? Stefanie Sargnagel hat sich bereits einige Worte abtrainiert und arbeitet schon an den verbliebenen, auch wenn sie diese wahrscheinlich nur durch absurdere ersetzt, um zum Ausdruck bringen zu können, wie unangenehm unverhoffter Körperkontakt in der Straßenbahn sein kann. Dennoch bleibt die Leidenschaft für Dosenbier und Zigaretten die Inspiration für mit Paint gemalte Bilder von rauchenden Kindern und trinkenden Elefanten.

Foto: Alexander Goll

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s