Echtes Handwerk – Eine Führung durch die Werkstätten des Staatstheaters

Etwas hat mich neugierig gemacht: Nachdem er im Frühjahr 2017 seine Ausbildung zum Tischler abgeschlossen hatte und im Sommer dann nach Hannover gezogen war, sah ich meinen Neu-Mitbewohner Steffen seit September vergangenen Jahres immer seltener. Unsere Tage verliefen komplett aneinander vorbei. Was ich von ihm mitbekam, war das abgewaschene Geschirr und dass die Dusche morgens schon etwas nass war, wenn ich mich darunter stellte. Steffen hatte angefangen, als Tischler in den Werkstätten des Niedersächsischen Staatstheaters zu arbeiten. Und wenn ich meinen Mitbewohner schon nicht zu Hause traf, beschloss ich, ihn eines kalten spätwinterlichen Morgens Ende Februar dieses Jahres zu seiner Arbeit zu begleiten.

Um 6:00 morgens sitzen wir schon gemeinsam in der Bahn Richtung Aegi. In der Tischlerei in den Werkstätten des Niedersächsischen Staatstheaters hinter der Stadtbibliothek an der Hildesheimer Straße ist das Licht noch gedimmt, nur das Nötigste wird gemurmelt und jeder Neuankömmling macht zum Einstieg einmal die Runde und reicht jedem zur Begrüßung die Hand. Pünktlich um 6:30 geht dann das Licht an, langsam tauen alle auf und Hubert, Leiter der Tischlerei, betritt die Halle, begrüßt ebenso jeden mit Handschlag und macht einige Ankündigungen für den Arbeitstag. Und so gehen alle in Gruppen an ihre Werkbänke. Die meisten arbeiten an Teilen der Bühnenkonstruktion für die Oper Aida, die im April Premiere feierte.

Die Stimmung ist kumpelhaft, die Bestellung fürs Frühstück um 9:00 wird aufgenommen (außer mittwochs, denn dann ist sowieso „Mettwoch“), doch bevor die ersten Kreissägen kreischen, gehobelt, gefräst und geschliffen wird, nimmt mich Hubert für eine Führung durch die Werkstätten unter seine Fittiche. Huberts lockige Haare fallen auf die Schultern, er hat ein freundliches Gesicht und trägt als einziger ein Karohemd, das in einer Levi’s Jeans steckt und von einem Gürtel gerafft wird. Rein modisch hatte ich mir einen Tischler-Meister in etwa so vorgestellt und so nimmt er mich mit auf einen sehr persönlichen und anekdotenreichen Rundgang.

Zum Einstieg in die Führung treten wir noch einmal vor die Tür und werfen einen Blick auf das Gebäude. Es wurde von Karl Elkart entworfen und seine Fassade im Stil des Backstein-Expressionismus erinnert an weitere prominente Gebäude aus dem Stadtbild Hannovers, wie das Anzeiger-Hochhaus am Steintor oder das Capitol am Schwarzen Bären. Dementsprechend steht es unter Denkmalschutz, doch bei aller Liebe zur Historie des Gebäudes gibt Hubert zu, dass es an manchen Stellen als Werkstattgebäude nicht gänzlich geeignet ist. Schiefe und alte Böden können im schlimmsten Fall zu schiefen Bühnenbildern führen (auch wenn es bisher selbstverständlich keine Beschwerden gegeben hat). Eine Konzentration der Theaterwerkstätten am Standort Bornum steht bereits in Aussicht.

Weiter geht es im Erdgeschoss, in dem sich die Schlosserei des Staatstheaters befindet. Hier warten schwere Maschinen, die mitunter dazu in der Lage sind, stählerne Streben in jedwede Form zurechtzubiegen. Je nach dem, was die Bühnenbildner*innen entworfen haben. Aus Angst um meine Finger trete ich lieber nicht zu nah heran. Nicht alles darf fotografiert werden. Die Bühnenaufbauten gelten als Kunstwerke. Die Entwürfe und Baupläne sind dementsprechend geheim. Für Aida stehen hier bereits mehrere Stahlbauteile bereit, die aufgereiht aussehen wie Rippen und zusammen mit den Bauteilen aus der Tischlerei im ersten Stock und nach der Veredelung durch die Maler*innen im zweiten Stock das gesamte Bühnenbild ergeben werden. Direkt daneben steht ein ausgeschlachtetes und bühnenkompatibel neu zusammengesetztes Auto aus einer anderen Produktion.

Im ersten Stock, zurück in der Tischlerei, schauen wir bei einer Drehbank vorbei, an der gerade ein wunderschön geschwungenes Tischbein gedrechselt wird. Hubert erklärt, der Beruf der*des Drechsler*in sei nicht erst seitdem ihm der Schutz als Berufsbezeichnung entzogen wurde, vom Aussterben bedroht. In den Werkstätten des Staatstheaters wird die Tradition dieses Berufs jedoch durch staatliche Förderung gewissermaßen konserviert und aufrechterhalten. Insgesamt weht ein angenehm nostalgischer Wind durch die Werkstätten.

Einige Bühnenkomponenten finden nach Ablauf der Produktionen ihren Weg zurück an den Ort, an dem sie entstanden sind. Bilder ganzer Bühnenaufbauten schmücken die Wände. Neben der Drehbank stehen Prototypen der Zauberflöte aus der gleichnamigen Oper. Erst nach mehreren Versuchen schafften es die Handwerker*innen damals, eine Zauberflöte herzustellen, die in der Tat über Taminos Händen zu schweben scheint (wie genau das funktioniert, wird natürlich nicht verraten).

Zu Beginn hatte ich mich gefragt, ob es nicht frustrierend sein kann, als Tischler*in Möbel zu erschaffen, die nie wirklich ihrem eigentlichen Zweck gerecht werden können. Es entstehen Tische, an denen niemals gegessen oder Karten gespielt wird oder Fenster, durch die niemals jemand nach draußen schauen wird und lediglich für die kurze Dauer eines Stückes genutzt werden. Hubert entgegnet jedoch, dass die Oper Hänsel und Gretel bereits seit über 50 Jahren aufgeführt wird und die Bühnenaufbauten dementsprechend länger in Gebrauch sind als so manches Möbelstück. Darüber hinaus ist ja jeder Bühnenaufbau eine Einzelanfertigung, dahinter steht der kreative Prozess der Bühnenbildner*innen und Regisseur*innen, mit denen ein gemeinsames Konzept entwickelt wird. Auf die Frage, ob der Umgang miteinander immer gänzlich frei Konflikten bleibt und wer am Ende das letzte Wort hat, antwortet Hubert verschmitzt: „Manchmal möchte ein Regisseur die Bühnenaufbauten auf eine ganz bestimmte Art und Weise haben. Wir sagen ihm dann, dass wir das schon drei Mal versucht haben und es noch nie geklappt hat. Manche Regisseure bestehen dann darauf, dass wir es ein viertes Mal versuchen. In der Regel klappt es auch dann nicht.“

Dann begeben wir uns in den zweiten Stock, wo Theatermalerin Karolin ihre Arbeit aufnimmt. Auch der Beruf der*des Theatermaler*in ist sehr selten und die Ausbildungsplätze sind sehr begrenzt. Aus Styropor und anderen Materialien entstehen hier täuschend echte Marmor-Büsten, Statuen und gefährliche Tiere. Ein paar Schritte weiter werden in einer riesigen Halle Bühnenprospekte bemalt. Und mit ein bisschen rostig-brauner Farbe wird aus Holzplatten eine riesige Schrottpresse.

Zum Abschluss des Rundgangs begeben wir uns noch in die Büros der Konstrukteur*innen. Hier stehen Modelle künftiger und vergangener Produktionen und – in gewisser Weise als Gegenpol zur Drehbank ein Stockwerk tiefer – ein 3D-Drucker. Doch auch dieser hat es Hubert angetan. Unlängst haben sie hier ein Ersatzteil für die Schlosserei aus dem Erdgeschoss entworfen und noch am selben Tag drucken können und damit Zeit und Geld gespart, die eine Nachbestellung mit sich gebracht hätte.

Und dann wird es noch einmal persönlich: Hubert, wie bist du eigentlich beim Staatstheater gelandet? „Nach meiner Ausbildung zum Drechsler im Kasseler Umland habe ich eine neue Herausforderung gesucht und bin nach Hannover gezogen. An meinem ersten Arbeitstag erhielt ich neue Sicherheitsschuhe und der Vorarbeiter sagte zu mir, das nächste Paar bekäme ich in zwei Jahren. Und wenn ich das Zweite bekäme, dann bliebe ich wahrscheinlich für immer. Nun ja, es ist nicht nur bei diesem zweiten Paar Schuhe geblieben.“

Fotos: Leonard Niestadtkötter

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