Biblische Biografie – ein Gespräch mit Rainer Frank über „Abrahams Kinder“

Zum Einstieg: Worum geht es im Stück Abrahams Kinder?
Der Titel Abrahams Kinder drückt ja schon aus, dass es im Groben um die Nachfahren des alttestamentarischen Abrahams geht, bzw. um diejenigen, die sich als seine Nachfahren interpretieren. Und im Zentrum steht die Erfahrung eines Menschen, der sich in der heutigen Zeit auf den Tempelberg in Jerusalem begibt und dort wider Erwarten nicht nur etwas über das Christentum und das Judentum lernt. Im Verlaufe drängt sich nämlich ebenso die Rolle in den Vordergrund, die der Tempelberg für den Islam spielt. Darüber beginnt dann ein Reflexionsprozess über die drei abrahamitischen Religionen und die spezielle Rolle des Tempelbergs für Judentum, Christentum und den Islam. Hinzu kommt dann meine persönliche Geschichte, da ich gänzlich als Atheist aufgewachsen bin und zudem einige Zeit als Kind in Damaskus gelebt habe und mich dementsprechend der Region und den Menschen dort verbunden fühle. Das Stück bot die Möglichkeit, mich damit noch einmal auseinanderzusetzen. Letztlich vermischen dabei zwei sehr subjektive und persönliche Erlebnisse: Einerseits ist da die Erfahrung Svein Tindbergs auf dem Tempelberg, auf der der Text aufbaut und den ich dankenswerter Weise als Grundlage für das Stück nutzen und vor allem weiterentwickeln durfte und sollte. Hinzu kommt meine Biografie und meine ganz persönliche Sicht auf das Thema.

Wie genau bist du auf den Text von Svein Tindberg gestoßen? Und was hat dich veranlasst, dich mit einer Umsetzung des Stoffes zu befassen?
Ich habe mit Erik Ulfsby, dem Intendanten des Norske Theaters in Oslo, im Rahmen der Produktion Shockheaded Peter zusammengearbeitet. Während der Zusammenarbeit sind wir über die verschiedensten Dinge ins Gespräch gekommen, unter anderem über die Umstände der Uraufführung von Shockheaded Peter. Kurz vorher hatte Anders Breivik, der selbsternannte Terrorist, dutzende Jugendliche auf der Insel Utoya erschossen. Vor dem Hintergrund erschien es dem Regisseur damals unmöglich, ein Stück zu inszenieren, in dem permanent Kinder getötet werden. Stattdessen wurde Svein Tindberg, der sich in vorangegangenen Stücken bereits mit den abrahamitischen Religionen befasst hatte, gebeten, das Stück Abrahams Kinder uraufzuführen. Das hatte mich neugierig gemacht und ich nahm den Text erstmals in die Hand. Ich war zunächst skeptisch, da das Stück ja auf den persönlichen Erlebnissen Svein Tindbergs auf dem Tempelberg aufbaut. Im Skript wird jedoch ausdrücklich dazu aufgerufen, das Stück mit eigenen Erfahrungen, Gedanken und Ideen weiterzuentwickeln. Und angesichts meiner biografischen Verbundenheit mit dem Nahen Osten fühlte ich mich angesprochen und aufgerufen, dem Stück meine persönlichen Gedanken hinzuzufügen.

Hat es in irgendeiner Weise eine Rolle für dich gespielt, dass du dich als Atheist, als der du dich ja bezeichnest, mit einem so religiösen Stoff befasst?
Ich würde da unterscheiden zwischen Praktiken, die es mit sich bringt, wenn man sich einer Religion zugehörig fühlt und den Geschichten, die mittels Religion transportiert werden. Und als ich mich dann mit den religiösen Schriften näher beschäftigt habe, empfand ich als Schauspieler die Geschichten als unglaublich spannend und bereichernd. Bei der Übersetzung des Stückes ins Deutsche habe ich dann die alttestamentarischen Stellen selbstverständlich gelesen, inklusive der darauffolgenden Passagen. Und diese Geschichten stehen ja in gewisser Weise für sich und jeder kann dazu eine Haltung beziehen.

Diese „guten Geschichten“ sind ja unter Umständen auch der Grund dafür, dass Thora und Bibel so eine Wirkung entfalten konnten.
Ja, teilweise sind es ja auch wirklich harte Geschichten, die dann nichtsdestotrotz zeitgemäß sind, insbesondere, wenn man dieser Tage wieder in den Nahen Osten schaut. Da ist man gewissermaßen „mitten drin“.
Zum Thema Atheismus: Ich habe dennoch als Kind diese für Religionen typischen Zugehörigkeitserfahrungen gemacht. Ich bin ja in der DDR aufgewachsen und dort wurde beispielsweise in der Schule durchaus darauf hingewiesen, dass es eine Art „höheren Sinn“ gibt. Nicht etwa spirituell, sondern hier eher ideologisch.

Als ich das Stück gesehen habe, hatte ich vorher das Programmheft gar nicht durchgelesen und es war gar nicht unmittelbar klar, dass sich das Stück zu gleichen Teilen aus einem „fremden“ Originaltext und deiner persönlichen Geschichte zusammensetzt. Als mir das dann bewusst geworden ist, fand ich das ganz schön ergreifend. Das Spannende ist ja, dass der uralte und etliche Male erzählte biblische Stoff mit deiner sehr persönlichen Geschichte verwoben wird. Bist du eigentlich selbst schon einmal auf dem Tempelberg gewesen?
Das mag jetzt absurd klingen, immerhin erzähle ich in dem Stück anderthalb Stunden von nichts anderem, aber tatsächlich bin ich noch nicht dort gewesen. Als wir uns dazu entschlossen haben das Stück umzusetzen, musste es doch recht schnell gehen, sodass ich dem Impuls, dorthin zu reisen, so schnell gar nicht nachgehen konnte. Aber es steht jetzt natürlich oben auf meiner Liste.

Das Stück läuft seit nun mehr als einem Jahr. Dementsprechend blickst du bereits auf einige Vorstellungen zurück. Auch wenn ich jetzt nicht davon ausgehe, dass irgendwelche „Islamhasser“ im Publikum saßen. Gab es im Laufe dieses Jahres Unterschiede in den Reaktionen des Publikums?
Also falls es Islamhasser im Publikum gab, dann haben sie sich zumindest nicht als solche geoutet. Ich erinnere mich an eine der ersten Vorstellungen, in der eine ältere Dame im Publikum saß, die immerzu kommentierte „richtig!“, „richtig!“, „falsch!“ Ich erzähle die biblischen Geschichten ja mitunter mit einer gewissen ironischen Distanz und jener Frau lief die eine oder andere Deutung meinerseits offenbar zuwider.

Es sind ja einige interaktive Elemente im Stück vorhanden. An einer Stelle schenkst du eine Runde Wasser an das Publikum aus. Gehst du dann in Situationen wie der eben geschilderten auf die Zuschauer*innen ein?
Das ist eine ganz schöne Gratwanderung. Der Abend lebt ja davon, dass ich in einem gewissen Maße die Fäden in der Hand halte. Ich muss sehr genau abwägen, wieviel Einflussnahme durch das Publikum ich erlaube. Es ist auch schwer einzuschätzen, ob ich allen anderen Zuschauer*innen zumuten kann, dass ich mit einzelnen Gästen ins Gespräch komme. Der Abend hat ja eine gewisse Form, die ich nicht allzu sehr verlassen möchte und die ich im Fokus behalten muss. Ich bin deshalb dazu übergegangen, das Publikum dazu aufzurufen, im Anschluss an das Stück ins Gespräch zu kommen.
Die gestrige Vorstellung war im Hinblick darauf spannend, da ausschließlich Schüler*innen im Publikum saßen, was wirklich toll war. Mir ist bewusst geworden, dass die extreme Nähe zwischen Schauspieler und Publikum sehr herausfordernd für die Zuschauer*innen sein kann.

Stimmt. Meine Erfahrung im Publikum ist auch, dass ich an manchen Stellen etwas Angst hatte angesprochen zu werden. Man konnte dadurch, dass es keine wirkliche Bühne gibt, immer damit rechnen. Durch die Nähe nimmt man noch eher am Geschehen teil, kann sich schwerer distanzieren. Gleichzeitig sorgen vor allem die musikalischen Elemente dafür, dass alles eine gewisse Lockerheit erlangt und man nicht von den Inhalten, die transportiert werden, in gewisser Weise „erschlagen“ wird. Und auch die komischen Elemente, die hin und wieder eingestreut werden, lockern die Atmosphäre auf angenehme Art und Weise auf, sodass man nicht denkt in einer Theologie-Vorlesung zu sitzen.
Genau. Wir wollten nicht etwa Wissensvermittlung in den Vordergrund stellen, sondern stattdessen ein Erlebnis beim Publikum erzeugen. Besonders bei der gestrigen Veranstaltung mit den Schüler*innen waren die Reaktionen für mich sehr spannend, da ich selbst Töchter habe, die in einem ähnlichen Alter sind. Ich erzähle dann und die Schüler*innen schauen mich an, als wäre ich ihr Lehrer. Ich habe dadurch noch wesentlich kritischer geprüft, an welchen Stellen ich möglicherweise Zuschauer*innen verliere, ob ich manche vielleicht überfordere. Es war dann erfrischend, aus nächster Nähe zu sehen, wie einzelne lachen und ich weiß: Was ich hier vorführe kommt auch so an, wie es gemeint ist.

Ich würde noch einmal zum Entstehungsprozess zurückkommen. Du hast den Text ausgesucht und bearbeitet. Wann kam der Regisseur, die Dramaturgin usw. hinzu? War es deine Idee, einen Musiker in die Inszenierung einzubauen?
Im Grunde hatte ich im Vorfeld zunächst einen Monat Zeit, mich mit dem Stück zu befassen, es zu übersetzen und zu überlegen, ob ich überhaupt in der Lage bin, als Ich-Erzähler von den Geschehnissen auf dem Tempelberg zu erzählen. Mein Intendant hatte dann angeregt, das Stück direkt umzusetzen. Innerhalb von drei Wochen haben wir dann ein Team zusammengestellt. Dass ein Musiker dabei sein muss, war mir eigentlich schon immer klar. Es musste einfach noch eine zweite Person dabei sein, damit ich zwischendurch Zeit habe, Atem zu holen. Gleichzeitig ließ sich dadurch die Spannung besser aufrechterhalten.

Stimmt, ihr werft euch ja in gewisser Weise auch gegenseitig die Bälle zu, was das Stück insgesamt abwechslungsreicher gestaltet. Und die Musik ist ja eher sphärisch und unaufdringlich und man konnte sich in gewisser Weise ein wenig davontragen lassen. Vor allem am Ende hat das Eindruck hinterlassen und sehr gut mit dem, was du spielst, harmoniert.
Insgesamt bin ich in dem Stück ja sehr präsent: Als Übersetzer, als Autor, als Schauspieler. Ab einem gewissen Punkt brauche ich dann einen Partner in Person eines Regisseurs, der noch einmal einen Perspektivwechsel anregen kann oder bestimmte Entscheidungen vorantreibt. Außerdem gab es noch zwei Dramaturginnen: Sarah Lorenz und Rania Mleihi, die selbst aus Syrien kommt, was ich als große Bereicherung empfunden habe.

Als das Team dann zusammengestellt war, wie ging es dann weiter?
Insgesamt hatten wir fünf Wochen zusammen, in denen wir uns mit dem Stück auseinandergesetzt und geprobt haben. Das kann man durchaus als ehrgeizig bezeichnen und das war uns auch klar. Andererseits wollten wir es auch nicht verschieben, mit dem Risiko das Projekt irgendwann aus den Augen zu verlieren. Deshalb haben wir die Herausforderung dann auch angenommen. Durch die Nähe zum Publikum konnte sich die Inszenierung im Laufe der Vorstellungen dann immer weiter entwickeln.

Gibt es für dich persönlich eine Schlüsselszene im Stück? Und wenn ja, liegt die eher in einem der historischen Abschnitte oder in einem der persönlichen? Und welcher von beiden Aspekten wiegt für dich persönlich schwerer?
Im ersten Impuls natürlich der Persönliche. Andererseits: Das Stück beginnt ja mit der Schilderung von Svein Tindberg, wie er auf dem Rückweg vom Felsendom ist und eine Panik ausbricht, in der ein palästinensischer Junge erschossen wird und er sich plötzlich mit solch einer tödlichen Auseinandersetzung konfrontiert sieht. Im ersten Moment fühlt er sich sicher in seiner Rolle als Tourist, als Außenstehender, doch dann stolpert er ziemlich unvermittelt und unvorhergesehen in die Realität. Das hat auf mich eindeutig den tiefsten Eindruck hinterlassen. Ich erinnere mich dadurch an eine Situation aus meiner Kindheit in Syrien, in der ich mit meinen Eltern auf die Golan-Höhen gefahren bin, an einen Ort namens Quneitra unweit der Demarkationslinie und der nun nach seiner Eroberung durch die Israelis verlassen da lag. Sämtliche Häuser dieses Ortes waren am Fundament gesprengt und die Dächer lagen wie Grabsteine auf den Trümmern der Häuser – verbrannte Erde. Der danebenliegende Friedhof war offenbar geplündert worden. Als Kind konnte ich das nur schwer einordnen. Und die Situation aus dem Stück erinnert mich insofern daran, dass ich in der Situation nicht mehr nur noch unbeteiligt zuschauen konnte, sondern durch den unvermittelten Eindruck plötzlich persönlich betroffen war.

War Abrahams Kinder das erste Stück, in dem du derart persönlich aus deinem Leben berichtest? Und was sind deine Erfahrungen damit?
Tatsächlich war es da erste Mal und natürlich war es speziell. Zu Beginn, als ich das Stück übersetzt habe, sind mir immer wieder meine persönlichen Geschichten dazu eingefallen, aber ich habe dem Regisseur immer nur die Übersetzungen zugesendet. Irgendwann habe ich mich dann doch dazu durchgerungen nach und nach meine persönlichen Gedanken mitzuteilen, woraufhin der Regisseur sagte, dass eben jene Gedanken es seien, auf die es ankommt, die geteilt werden möchten und die dem Stück Nachdruck verleihen können. Und  das hat durchaus Überwindung gekostet, da ich mich immer fragen musste: Wie relevant ist das überhaupt für den Zuschauer?

Ich denke, jeder, der  die Stichwörter „Syrien“ oder „Damaskus“ hört, hat direkt Bilder und Assoziationen im Kopf…
Hinsichtlich meiner persönlichen Schlüsselszene, nach der du gefragt hattest, fällt mir dann doch ein, dass in den Sequenzen, in denen ich aus dem Leben Abrahams erzähle, ein wichtiger Aspekt aufkommt. Abraham selbst ist ja gezwungen zu flüchten und der Weg, auf den er sich begibt und der ihn durch den Irak und in den Bereich der syrisch-türkischen Grenze führt, ist ja aus der zeitgeschichtlich extrem aufgeladen. Stichwort: Irak-Krieg. Gleichzeitig war ich selbst an diesen „biblischen“ Orten gewesen. Darüber hinaus bin ich selbst mit meinen Eltern nach dem Jugoslawienkrieg die Strecke entlanggefahren, die wir heute als die Balkanroute kennen. Abraham selbst flüchtet in die heutige Türkei und sein Vater stirbt an der türkischen Grenze. In diesen Szenen verweben sich das Religöse, das Persönliche und das Zeitgeschichtliche besonders eng miteinander.

Foto: Katrin Ribbe

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