Das chaotische »Dylan: A-Changin« Revisited

Wer ist Bob Dylan?

Diese Frage stelle ich mir, das Stück, das ich besuchen werde, und sogar die Fangemeinde des Sängers. Die Inszenierung von Jonas Steglich scheitert daran, diese Frage zu beantworten und ich gehe unbefriedigt nach Hause. Aber um fair zu bleiben, Dylan: A Changin‘ hatte niemals die Absicht, die Frage zu klären, wer denn eigentlich Robert Allen Zimmerman ist. Das Stück, das ich besuchte ist, wie Dylan selbst, Kunst. Undefiniert. Mysteriös. Unbefriedigend.

In meiner Freizeit höre ich ich gerne Musik (wer nicht?) und Bob Dylan ist ein Name, der bestimmt nicht nur einmal in meinen Playlists aufgetaucht ist. Und dieser fast schon legendäre Interpret, der alles sein will, außer einer Legende, hat eine große Vorliebe dafür, Ideen, Konzepte und Erfahrungen in einfache Reimschemata und komplexe Lyrics zu verpacken. Was dabei rumkommt, können seichte Liebeslieder sein, aber auch prophetische Rätsel. Es sollte also nicht verwunderlich sein, dass ich, um zu begreifen, wer diese enigmatische Person eigentlich ist, unbedingt diesen Soundtrack erleben wollte. Ich bilde mir nicht ein, es besser gemacht haben zu können, aber dennoch verlasse ich meinen Platz mit dem Gedanken:

“Das hätte man besser machen können.”

Der Ansatz der Inszenierung war aber nie, Dylan biografisch zu beleuchten, obwohl es erst den Anschein erweckt, genau das tun zu wollen. Doch das Stück bleibt sich nicht treu. Vielmehr sind es drei Darsteller, die immer verschiedene Aspekte der einen Kunstfigur Bob Dylan zu verkörpern, ohne dabei irgendeine Kontinuität zu bewahren. Keiner versucht, den Sänger in seiner Art zu singen oder in seiner Weise des öffentlichen Auftretens zu imitieren, nein. Dieses Stück ist ganz und gar der Innenwelt des Robert Allen Zimmerman verpflichtet. Es startet den Versuch, seine inneren Konflikte, seine sich im Wandel befindenden Wertvorstellungen, sein Wirken, sein Wachsen und sein Wesen an die Oberfläche zu bringen.

Problematisch ist jedoch, dass Steglichs Inszenierung dabei genau so unerschließbar bleibt , wie die Legende, die keine sein will. Ob das nun genau die Absicht war, sei mal dahingestellt. Witzigerweise kaufe ich ein paar Tage nach dem Stück die wohl eher unbekannte und unkonventionelle Dylan-Biografie “I’m Not There” auf DVD und bin verliebt – die Grundidee ist bei beiden Adaptionen in etwa dieselbe: Es wird nie die Person Dylan selbst in den Mittelpunkt gerückt, stattdessen Statthalter, die den Künstler, den Propheten, den Rebellen, den Star, den Liebenden, den Herzgebrochenen, den Folk-Sänger, den Elektrischen, den Exzentrischen, den Mythos Bob Dylan repräsentieren, aber nie etwas eindeutiges über den eigentlichen Hauptcharakter sagen, sondern über die öffentliche, oder besser, die öffentlichen Vorstellungen von ihm. “I’m Not There” arbeitet genauso wenig chronologisch wie A Changin, kommt als Independent-Produktion teilweise auch sehr künstlerisch und experimentell daher. Ich vermute stark, dass der Streifen als Recherche-Material für die Inszenierung herangezogen wurde, sogar ans Cowboy-hafte Kostüm fühlt man sich erinnert.

Ich empfehle, beides zu schauen. Zuerst die nächste Aufführung, um dann den Antrieb zu haben, im Film die Katharsis zu erfahren, die im Stück angedeutet wird, aber absichtlich verschleiert ist, weil es keine Antwort gibt. Der Film geht jedoch einen Schritt weiter, macht es besser und identifiziert sich damit sogar ein Stück weit mit Dylan. Die Antwort wird nicht etwa verborgen gehalten, es werden im Gegenteil mehrere Antwortmöglichkeiten gegeben. Multiple Choice, wenn man so möchte.

Das Stück will etwas besonderes sein. Dylan nicht. Darum scheitert es für mich an einer Charakterisierung Dylans, regt aber allemal zum Nachdenken und zu eifrigen Interpretationsversuchen an. Besonders einige philiosophische, fast schizophrene Dialoge haben mich auf einer tiefen Ebene berührt.

Was man aber wirklich loben muss, ist der Soundtrack, der eigentlich im Mittelpunkt steht und was das Stück auch eigentlich ist. Die Songwahl ist fantastisch gewählt und bildet tatsächlich beinahe ein Biografie-ähnliches Konstrukt, das sofort seinen Platz in meinen Spotify-Playlists findet. Auch die Interpretationen der Titel sind modern, rockig, aber sie verlieren nichts an Poesie, was nicht zuletzt auch den authentischen und schönen Stimmen der Darsteller geschuldet ist.  Das Schauspiel ist in Dylan: A Changin‘ nur ein Intervall, fast belanglos, chaotisch und paradox, das Wichtige ist die Musik.

Ich lächle.

„Wie bei Dylan.“ Und hier das obligatorische Zitat:

“I accept chaos, I’m not sure whether it accepts me.”

 

Foto: Isabel Machado Rios

2 Antworten auf “Das chaotische »Dylan: A-Changin« Revisited”

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