Andorra: Eine hochaktuelle Parabel auf den Rassismus

“Sie sollen erschrecken, sie sollen, wenn sie das Stück gesehen haben, nachts wachliegen. Die Mitschuldigen sind überall.”

– Max Frisch über Andorra

Um ganz ehrlich zu sein, ich besuche Andorra nur, weil ich gerade den ebenfalls von Max Frisch verfassten Bericht Homo Faber beendet und noch nicht wirklich verdaut habe. Homo Faber, das kann ich aber mit Gewissheit sagen, ist mein Lieblingsbuch jetzt gerade. Ich giere nach mehr, etwas, das mich bewegen kann, wie dies Büchlein. Darum Andorra. Nur darum Andorra.

Ich habe nicht die geringste Vorstellung, worum es geht, informiert habe ich mich nicht. Ich sehe nur, Andorra wird aufgeführt und denke mir damit, ich kann mir 200 km Zugfahrt in die Heimat bzw. meine Mutter kann sich 1€ Bücherporto sparen und ich muss das Werk nicht lesen, sondern kann es erleben. Blöd nur, dass ich so gern prokrastiniere, mit anderen Worten: Um die Karte kümmere ich mich erst, als die Vorstellung schon ausverkauft ist. (Hier kommen die Privilegien als Blog-Redakteur zum Zuge, ich bekomme noch eine Karte, sitze sogar in der ersten Reihe.)

Nur Schüler. Mit dem Mindset eines zynischen Mannes, der auf seine Fünfziger zugeht, stehe ich bei 23 Grad vor dem Ballhof und bange um eine ruhige Vorstellung. Das letzte Mal mit Schülern im Theater war störend laut. Aber ich rechne nicht mit Andorra. Andorra reißt sie alle in dem Bann und der Mund öffnet sich allerhöchstens, weil die Kinnlade an Halt verliert.

Andorra behandelt Rassismus. Das kann auch bitter in die Hosen gehen, das kann sehr aufdringlich werden, schon wieder eine Geschichtsstunde in der 10. Klasse. Selten wurde ich so überrascht.

Um die traditionellen Ansprüche einer Rezension nicht vollkommen zu sprengen, hier ein kurzer Umriss des Plots und weiterhin: des Themas. Einfach als kurzes dramatisches Intermezzo. Andri wächst auf in Andorra, im Glauben, er sei Jude und adoptiert. Von allen Seiten wird er immer wieder daran erinnert: Er ist anders. Er geht anders, er ist ehrgeizig, er denkt nur an Geld, weil er ja Jude ist. Er schenkt dem beständigen Einreden auch Glauben, er ist anders, da ist Andri sich sicher. Um nun nicht alle dramatischen Wendungen vorweg zu nehmen, sage ich es kurz. Andri ist kein Jude, sondern lediglich das Opfer einer Lüge seines Vaters. Als Andri dies erfährt, will, kann er es nicht glauben. Es wurde ihm immer wieder eingeredet, er hat es sich selbst gesagt: Er ist anders. Das ist sein Ende.

Wie überwindet man aber jetzt die Distanz zum Publikum, zu allem Überfluss auch noch zu einem Publikum, dass die Nase voll hat von den Geschichtsstunden in der 10. Klasse? Genau, man verwandelt die vierte Wand  in eine buchstäbliche vierte Wand. Wir werden getrennt vom Geschehen auf der Bühne durch einen Metallzaun.

Das Stück beginnt und als ich realisiere, was mit uns, also dem Publikum, gemacht wird, geben die Muskeln nach, die meine Kinnlade halten sollten. “Nein, nein…” flüstere ich vor mir her wie in einer Trance und hoffe, das hübsche Mädchen in meinem Alter neben mir denkt das gleiche. Diese Inszenierung sucht sich die perfekte Rahmenhandlung aus, um Aktualität zu vermitteln. Vor diesem Moment habe ich mich immer gefürchtet. Die Bühne sieht übrigens aus wie eine Turnhalle. Es stehen ein paar Feldbetten herum und haufenweise gebrauchte T-Shirts, von denen uns erzählt wird, die andorranischen Bürger hätten sie für uns gesammelt und gespendet. Ich schlucke. Man sagt uns, wir seien Juden, Immigranten, integriert, wird uns gesagt, aber dennoch bleiben wir durch einen Zaun von Andorra getrennt. Die Parallelen zur so genannten “Flüchtlingskrise” kann man unmöglich ignorieren. Man sagt uns, wir seien anders, ehrgeizig, denken nur an Geld… weil wir ja Juden sind. Direkt am Anfang des Stückes wird sichergestellt, dass wir alles, was gesagt wird, auch ganz sicher persönlich nehmen oder zumindest das Geschehen mit anderen Augen betrachten, mit den Augen der Diskriminierten. Das bedeutet es also, von der Gesellschaft gesagt zu bekommen, dass man anders ist. So fühlt es sich an, diskriminiert zu werden, so fühlt sich Andri. Ich klatsche. Der Saal klatscht, die Schüler. Und es hört nicht auf. Ich muss eine Träne unterdrücken.

Ich glaube, ich habe mich noch nie so sehr in einem Stück verloren.

Foto:  Isabel Machado Rios

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