Abstraktes live und in Farbe

Bei der Hauptprobe des Schwarzen Obelisken.

Inflation ist die Minderung der Kaufkraft des Geldes, sagt Wikipedia. Wie bei so vielen Fachbegriffen, fällt es schwer, den wahren Kern zu begreifen. Auch im Stück Der schwarze Obelisk, in dessen Hauptprobe am 29. August rund 150 Neugierige saßen, kommt zu Beginn der Eindruck auf, das Geld sei zuhauf da. Es flattert gerade so über die Bühne. Als jedoch klar wird, dass es lange nichts mehr wert ist, zeigt die Inflation ihr wahres Gesicht. Ihr alltägliches, im Leben einiger ganz normaler Nachkriegsbürger: Feldwebel, Grabsteinverkäufer, Chef des Grabsteinverkäufers, Tänzerin, Kranke, Restaurantbesitzer, Dichterkreis. Als Essensmarken plötzlich mehr wert sind, als das Geld, mit dem sie damals gekauft wurden. Als das Lied Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen einen noch bittereren Beigeschmack bekommt. Trotzdem sind die Figuren des Schauspiels getrieben von einigermaßen normalen Gedanken, leben ein vielleicht sogar recht normales Leben. Abgesehen davon, dass man für Geld nichts mehr kaufen kann. An Brisanz gewinnt das Stück nach und nach – unter anderem in den Momenten, in denen der aktuelle Dollarkurs verkündet wird und Menschen sich in ihren leeren Schränken erhängen, weil sie nichts mehr haben. Nicht lange dauert es, bis Schuldige gefunden werden: Der Versailler Vertrag, Juden, Intellektuelle, alle anderen. Die wenigen, die trotzdem nicht für erneuten Krieg und vor allem gegen menschenverachtende Gewalt sind, sind angewidert und tun dies mit starken Sprüchen kund: „Gott weiß alles, aber ihr wisst alles besser!“ und „Ihr braucht sogar zum Pissen eine Weltanschauung“ gehören zum Beispiel dazu. Nachdem uns zwei Stunden Inflation und rechter Menschenhass entgegen geschlagen sind und wir durch die Tore des Schauspielhauses wieder das Hier und Jetzt betreten, dauert es nicht lange, bis die Gedanken nach Chemnitz und die dortigen rechten Übergriffe abschweifen. Mal wieder ein Theaterabend der Abstraktes auf schlichte aber einigermaßen schaurige Art mit Leben füllt.

Foto: Katrin Ribbe

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