Nathan der Weise – dieses Mal ohne Nathan

„Nathan“, Hauptfigur des Dramas Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing, steht seit über 200 Jahren für Aufklärung, Humanismus und Toleranz. Das Stück selbst ist Gegenstand etlicher Abiturprüfungen und neben Theaterbesuchen zählt es zu den größten bildungsbürgerlichen Vergnügen, die ersten Sätze aus der Ringparabel, die eine zentrale Rolle im Stück innehat, auswendig aufzusagen. Nathan ist auch der Name des neuen Stücks von Oliver Frljic und läutet die Spielzeit 2018/19 im Ballhof Eins ein.

Während die Zuschauer*innen ihre Plätze einnehmen, schlängelt sich ein Nebelteppich durch ein großflächiges Trümmerfeld, das fast die gesamte Größe der Bühne einnimmt. Zaghaft betreten die Protagonisten das apokalyptisch anmutende Bühnenbild und tasten sich vorsichtig Schritt für Schritt voran an den Bühnenrand. Dann legt sich der Nebel und was zuvor aussah wie ein Trümmerfeld entpuppt sich als ein Meer aus – Schuhen!

Ließe der Titel des Stückes die Vermutung zu, es handele sich bei den fünf Personen, die zuvor zögerlich die Bühne betreten haben, um Nathan, Saladin, Recha, Daja und den Patriarchen von Jerusalem, stellen sich diese dem Publikum als Jesus, Maria, Mohammed, Jehova und der Heilige Geist vor.

Und dann wird auch sehr schnell deutlich, dass, wer eine gewöhnliche, vielleicht hier und da abgewandelte, modernisierte oder jugendlich frisierte Interpretation des uralten Stoffes erwartet hatte, überrascht werden soll. Auch ein Blick in das Vorwort des Programmheftes, das in diesem Fall das übliche Flyerformat weit übersteigt (und vom Umfang in etwa einem Reclam-Heftchen entspricht), verrät, dass nicht etwa G. E. Lessings uralter Stoff zur Aufführung kommt, sondern seine Wirkung und seine Rolle im deutschen öffentlichen intellektuellen Diskurs und der kollektiven Erinnerung performativ ergründet und kommentiert werden soll.

Doch zurück zu den Schuhen. Diese nehmen im an Bildern überbordenden Theaterstück eine zentrale Rolle ein. Sie werden donnernd an Wände geschleudert, gestapelt, drapiert, mit Hilfe von Europaletten quer über die Bühne geschoben, an ihnen wird geschnüffelt oder die Darsteller werden unter ihnen begraben. In erster Linie jedoch verlagern sie die Auseinandersetzung an die dunkelsten Orte der deutschen Geschichte, die Konzentrationslager, wo sie heute ihre Funktion als Mahnmale für den industrialisierten Massenmord einnehmen.

Die Handlung des Stückes ist eher ungewöhnlich, erst recht nicht klassisch, aufgebaut. Versucht man die Personenhandlungen zunächst durch ihre Funktion im religiösen Kontext zu deuten, muss man bald feststellen, dass jegliche religiöse Zuschreibung gänzlich egal ist (worin bereits ein aufklärerisches Moment liegen könnte).

Jesus etwa trägt seinen Text in der Regel ganz unmessianisch brüllend vor und Marias Jungfräulichkeit wird lachend in Zweifel gezogen. Doch auch die Ringparabel, zentrales Element des Lessing’schen Dramas, wird vor hochkant aufgestellten Europaletten, dahinter der Berg aus Schuhen, vorgetragen, sodann schallend verlacht, die Europaletten werden umgekippt und der Blick liegt wieder frei auf die aufgetürmten Schuhe.

An anderer Stelle zieht der Heilige Geist ganz unfrei in Ketten Jehova auf einem Karren über die Bühne, während Jesus ihn mit den ausgerissenen Seiten aus einem Reclam-Heftchen füttert bis die Seiten sämtlich wieder ausgekotzt werden.

Und Mohammeds Brandrede, in der er – geistreich und lautstark – an Maria gewandt die neumoderne Erzählung vom christlich-jüdischen Abendland als billigen Versuch enttarnt, Muslime als feindliche Invasoren zu diffamieren, prallt ungehört an seiner Zuhörerin ab.

Mal eher subtil in Form von Bildern, mal ganz konkret in Form von oben beschriebenen Ausbrüchen, Reden und Anekdoten entsteht in Ermangelung einer kohärenten Handlung das wirkkräftige Gesamtbild einer schallenden Anklage an die deutsche Erinnerungskultur, oder wie es im Programmheft in Anlehnung an Michal Bodemann genannt wird, an das deutsche Gedächtnistheater, in dem die Juden ihre Rolle in der Erzählung des geläuterten Deutschen einnehmen, bzw. einzunehmen haben.

Am Ende dann werden Personen aus dem Publikum aufgefordert, als Soldaten der Erinnerung ganz brav uniformiert und hörig die Schuhe zu einem Schießwall aufzubauen und Kalaschnikows und G36-Gewehre auf die Stuhlreihen gerichtet, um beim Publikum ein hörig-braves Gedenken zu erzwingen. Dann leuchten Blendscheinwerfer auf und zurück bleibt man in dunkler Stille.

Das Stück liefert zuhauf Denkanstöße. Allein für die Lektüre des Programmheftes empfiehlt es sich, als Bearbeitungszeitraum eine ganze Woche zu veranschlagen und der Schreibtisch ist dem Bett als Bearbeitungsumfeld vorzuziehen. Und das Bühnenbild, das man nahezu genial nennen möchte, wirkt lange nach.

Leider heißt es im Programmheft im Vorwort, der Regisseur fühle sich allzu oft von Publikum und Kritik missverstanden und die vielfachen und widersprüchlichen Ebenen der Stücke würden nicht in Gänze durchdrungen. Auf diese Weise wird die unbestreitbare Sperrigkeit des Stückes in Schutz genommen. Berechtigt wäre dennoch die Frage, ob auf die dargestellte Art und Weise ohne Zuhilfenahme des Programmheftes und der dort getroffenen Auswahl erklärender Texte tatsächlich differenziert und eindringlich auf das Publikum eingewirkt werden kann. Oder ob man den beschriebenen Konflikt nicht in der Person des Nathan hätte ausfechten können und so für das Publikum anschlussfähiger hätte gestalten können. Möglicherweise wäre dies ja der Stoff für ein Nachfolgeprojekt.

Foto: Karl-Bernd Karwasz

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