Vorsagen erlaubt

Der ganz normale Arbeitstag einer Souffleuse

10.30 Uhr Probenbeginn. Nach und nach trudeln Schauspieler, Regisseur, Regieassistenz, Techniker ein. Nur eine ist schon da und sortiert einen dicken Stapel Papier: Annette Köhne-Fatty, die Souffleuse für das Stück Trutz, das in drei Tagen Premiere am Schauspiel Hannover feiern soll. In der ersten Reihe, Mitte, sitzt sie nicht nur heute, sondern auch bei fast allen kommenden Aufführungen des Stücks. Das Bühnenbild ist aufgebaut und an den Rändern der Bühne finden sich Kleiderständer mit Kostümen. Auch die beiden weiter gereisten Schauspieler Ernst Stötzner und Markus John sind nun eingetroffen. Die Stimmung ist ausgelassen und hier und da kann man Erzählungen über abenteuerliche Reisen und entspannte Sommerurlaube mithören. Die neue Theatersaison hat gerade erst begonnen und die meisten sehen sich heute, nach einigen Wochen Ferien, zum ersten Mal wieder. Auch Annette wird von allen herzlich begrüßt. Mir kommt der Gedanke, dass man als Souffleuse wohl zu den beliebtesten Menschen in der Belegschaft zählen muss, denn sie sind ja immer da, wenn man mal Hilfe braucht. Annette zögert: „Vergiss nicht, dass Souffleusen auch die Personen sind, die die Schauspieler ständig an ihre Fehler erinnern und ihnen ins Wort fallen.“ Als alle Kaffeetassen leer und Geschichten ausgetauscht sind, beginnt die Probe mit etwas Verzögerung. Ich nehme neben Annette Platz. Ziel ist es, das Stück von vorne bis hinten durchzuspielen – auch wenn es mal hakt oder jemand ins Stolpern kommt. Annettes Papierstapel steht nun auf einem Notenständer, der mit einer kleinen Lampe beleuchtet ist. Alle paar Seiten hat sie einen kleinen Zettel zur Markierung in das Buch – also den Text – geklebt. „Das sind die verschiedenen Kapitel, falls wir mal springen. Oder es sind Stellen, die noch holprig sind und wo ich mal Rücksprache mit Schauspielern oder dem Regisseur halten will.“ Um sie herum auf dem Boden stehen eine Thermoskanne mit Tee, weitere Zettel mit Texten, eine kleine Tasche mit Strickzeug, falls es längere Pausen geben sollte.

Das Stück beginnt und damit das konzentrierte Mitlesen. Annette folgt mit einem Bleistift in der Hand dem Vortrag von Henning Hartmann, der allein zu Beginn zwei Seiten Prosa-Text zu sprechen hat. Keine helfenden Reime, dafür jede Menge Zahlen, Namen, Daten. Als müsste man ein Geschichtsbuch auswendig lernen. Während ich mich noch frage, wie es wohl möglich ist, sich so einen Text zu merken, zieht sich Hartmann auf der Bühne gleichzeitig auch noch um, hantiert mit Requisiten – und lässt sich von Annette ins Wort fallen, wenn eine Zeile danebenging. Schlagartig wird mir bewusst, wie hilfreich diese Person ist und wie recht Annette trotzdem mit ihrer Feststellung hatte, dass man ständig jemandem ins Wort falle. Gar nicht so einfach, den richtigen Mittelweg zwischen Unterstützung und Störung zu finden. Eine gute Souffleuse baut dabei vor allem auf Erfahrung. Als Annette mitten im Studium steckte und auf der Suche nach einem Job war, schlug eine Freundin ihr eine freie Stelle an der Landesbühne Niedersachsen Nord vor. Dort suchten sie eine Souffleuse und Annette ging unerschrocken zum Vorstellungsgespräch. „Eine Viertelstunde später stand ich mit Textbuch vor der Landesbühne und durfte mich Souffleuse nennen.“ Das ist nun genau 20 Jahre her. In dieser langen Zeit hat sie nicht nur den Arbeitgeber gewechselt, sondern schätzt auch die Tatsache sehr, dass sie alle paar Wochen einen neuen Chef – den Regisseur des Stücks – hat. Die Abwechslung mache ihren Beruf so spannend. Sie sehe Stücke, die sie sonst vielleicht nie gesehen hätte und sie komme in Kontakt mit vielen tollen Schauspielern, Regisseuren, Dramaturgen und anderen. „Manchmal werde ich von Texten geradezu überrascht. Da denke ich vorher: das wird sicher sehr anstrengend. Und nachher finde ich es klasse.“ Lieblingsstücke habe sie schon, aber auch welche, die sie nicht gerne mag. Kabale und Liebe beispielsweise sei einfach nicht mit ihrem Frauenbild vereinbar. Darüber ärgere sie sich jedes mal. Während Annette nun schon seit zwei Stunden aufmerksam dem Text der Schauspieler folgt, bin ich froh, mich zurücklehnen zu können und das Stück zu genießen. Der Text wird mit Leben gefüllt und beispielsweise von Sarah Franke auch mit einem wundervollen bairischen Dialekt geschmückt. Hier und da gerät noch jemand ins Wackeln und Annette beobachtet die Improvisationen der Schauspieler genau: Finden sie zurück in die richtigen Textzeilen oder muss sie eingreifen? Die ein oder andere amüsante Variation entsteht und Gelächter erfüllt den viel zu leeren Saal im Schauspielhaus. Regisseur Dušan David Pařízek läutet die ersehnte Toilettenpause ein und Annette eilt davon. Ich begutachte das stumme Schauspielhaus, die herumliegenden Requisiten, die Scheinwerfer, die nun ins Nichts leuchten. Probenatmosphäre fand ich schon immer besonders – ob dieses Gefühl wohl erhalten bleibt, wenn man sein tägliches Brot mit dieser Arbeit verdient?

Auch der zweite Teil der Probe macht mir einen solchen Spaß, dass ich mir direkt den nächsten Aufführungstermin im Kalender notiere. Zwischendurch legt Annette ihre Füße hoch, nippt immer wieder am Tee, beißt in ein Brötchen, um sich etwas zu stärken. Mit ihrem Bleistift macht sie unentwegt Notizen: Fragezeichen, Ausrufezeichen, Pfeile. Auch der Radierer kommt zum Einsatz, denn am Ende soll natürlich die optimale Premierenversion dabei herauskommen. Meist wird diese vom Regisseur oder den Schauspielern erarbeitet. In manche Diskussionen hat sich aber auch Annette schon eingemischt, wenn sie anderer Meinung war. „Einige Regisseure freuen sich über meine Vorschläge und dann gebe ich auch mal meinen Senf dazu.“ Um 14.30 Uhr brechen wir noch vor Ende des Stücks ab. Auch am Theater gibt es Arbeitszeiten, die eingehalten werden müssen. Diese gehören aber eindeutig zu den Nachteilen ihres Berufs, gibt Annette zu denken. Um 19.00 Uhr muss sie wieder da sein und konzentriert bis 22.00 Uhr dem Text folgen. Arbeit am Wochenende und an Feiertagen gehört selbstverständlich dazu. Im Grunde habe man immer dann Freizeit, wenn alle anderen arbeiten und umgekehrt, berichtet Annette.

Wenige Tage später kehre ich als Zuschauerin zurück und setze mich – nun viel weiter hinten – in den Saal des Schauspielhauses. Ich bin gespannt, wie das Stück im Ganzen wirkt und natürlich, ob der Text sitzt.

Annette ist bei einem anderen Stück eingespannt und wird deshalb heute von einer Kollegin vertreten. Während der Vorstellung achte ich genau darauf, ob ich die Stimme der Souffleuse höre. Die Berufsbezeichnung kommt vom französischen Wort „souffler“, was „flüstern“ bedeutet. Während der Probe hatte Annette mir aber erklärt, dass ein Souffleuse genau das Gegenteil tut: wenn’s hakt, muss sie laut und deutlich helfend eingreifen, denn die Schauspieler agieren ja weiter auf der Bühne und könnten ein leises Flüstern kaum wahrnehmen.

Ich höre kein lautes Einschreiten, die Dialoge laufen flüssig und ich erkenne viele der tollen, witzigen aber auch nachdenklichen Momente des Stücks wieder.

An Situationskomik musste das Stück, verglichen mit der Probe, kein bisschen einbüßen und die Schauspieler bieten ein Fest der Dialekte und der Spielfreude dar. Problemlos schwingt das Publikum mit und am Ende sind alle begeistert. Minutenlanger Applaus ertönt und die Schauspieler verbeugen sich mehrmals. Einmal deuten auch sie ein Klatschen an und zeigen dabei auf die Techniker, die Menschen hinter den Kulissen – und in die Richtung „erste Reihe, Mitte“, wo die Souffleuse sitzt.

Foto: Katrin Ribbe

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