in the middle of our street

Die Nachbarn nennen es das Auerhaus. Wegen des Songs OUR HOUSE von madness. Obwohl es nie gespielt wird. Das Haus gehörte Frieders Großvater und bietet den sechs Jugendlichen die Möglichkeit, ein selbstverwaltetes und selbständiges Leben im Kollektiv zu führen. Und eine Zuflucht. 

Frieders bester Freund Höppner will dem fiesen Freund seiner Mutter entfliehen und soll zudem zur Musterung – auch nach drei Briefen ignoriert er den Aufruf. Er träumt davon, direkt nach dem Abitur nach Berlin zu gehen. Weil dort keine Wehrpflicht besteht.
Seine Freundin Vera hat ein Faible dafür, unnütze Dinge zu klauen. Seien es dreißig Löffel oder eine überproportionale Anzahl an Kondomen.
Den Elektrikerlehrling Harry kennt Frieder noch aus Kindertagen. Er zieht nach einem Treffen kurzerhand in die Schlachteküche des Auerhauses.
Cäcilia geht mit Vera, Frieder und Höppner in eine Klasse. Sie betont, dass sie verstehen könne, wenn die anderen nicht verstehen könnten, warum sie einziehe, da ihre Eltern wohlhabend seien. 

Gemeinsam erzählen sie von dem Leben im Auerhaus. Und wie sie sich zusammen die Verantwortung teilen wollten, auf ihren Freund Frieder aufzupassen. – Denn Frieder ist des Lebens müde. Er habe sich nicht umbringen wollen, er wolle bloß nicht mehr leben – das sei ein Unterschied, glaubt er. Er hatte einige Schlaftabletten seiner Mutter abgezweigt, trank zwei Liter Imiglykos und stieg in den Keller hinab. Schließlich wurde er von seinem Vater gefunden, der eher zufällig und eigentlich auf der Suche nach einer Axt den Keller betrat. So die Kurzfassung.
Tatsächlich bleiben viele Fragen zurück. Zwischen schlechten Witzen und Vorwürfen steht die Angst. In einer Übersprungshandlung täuscht Höppner während eines Spaziergangs an, Frieder vor einen fahrenden Zug zu stoßen. Es würde statt nach Mord nach Suizid aussehen, begründet er. Sehr lustig, schließt auch Frieder.
Frieders Depressionen und seine Suizidalität werden von den sechs Mitbewohner*innen thematisch nur umtänzelt. In Wutausbrüchen oder weintrunkenen Gesprächen versucht Höppner ab und an zu verstehen, was Frieder dazu gebracht hat. Dennoch fehlt ihnen eine klare Kommunikation, das auszusprechen, wovor sie sich ingesamt alle fürchten – dass es wieder geschehen könnte. Dass es gelingen könnte. 

Schließlich drei Momente. Der Zeitungsartikel, der von der zu schnellen Fahrt in Harrys Auto berichtet, die damit endete, dass die sechs von der Polizei angehalten wurden und Frieder eine täuschend echte Waffe auf den Polizisten richtete.
Der Abspann, der von den erfolgreichen und sinnvollen Zukunftsvision erzählt, im Talk-Show-Format, ein Wunsch, eine Show – noch zu weit entfernt.
Und das Nichts. Frieder unterbricht Höppners Moderation damit, was eigentlich geschehen ist. Er sitzt über den anderen, wirft ab und an Kommentare ein. Dann die Erkenntnis: Sie alle treffen sich auf Frieders Beerdigung wieder. Was bleibt ist der Schmerz. Der Schmerz des Nicht-Verstehens, des Lebens, des Dazwischen.
Besonders prägnant ist das Motiv der Axt, die Frieder während der Inszenierung kaum ablegt. Es ist die Axt, die sein Vater suchte, als er ihn im Keller vorfand. Die Axt, die ihm das Leben rettete. Die Axt als Waffe, als Halt, als Option. Mit der Axt wird der Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz gefällt, aber auch die Zerstörung Alfred Adlers Buchs Wozu leben wir? auf dem Baumstumpf vollzogen. Die Frage wird wortwörtlich zerschlagen, existiert jedoch wie das zerstörte Buch weiter. Dass sich die Lebensmüdigkeit und die Suche nach dem verlorenen Sinn des Lebens so nicht auflösen, ist allen Figuren bewusst und hinterlässt eine Sprachlosigkeit aufgrund von Überforderung.

Eine fehlende Aufklärung und die Tabuisierung der Themenkomplexe Depression und Suizidalität sorgen für Hilflosigkeit aller Beteiligten. Statistiken zeigen, dass es sich bei den Suizidant*innen in einer erschreckenden Mehrheit um Jugendliche im Alter von 16 bis 20 Jahren handelt.
Anna Vera Kelles Inszenierung von Bov Bjergs Jugendroman spricht genau diese Tabus an, aber nie aus, und findet so einen Umgang mit der Sprachlosigkeit. Atmosphärisch wird das Beziehungsgeflecht der sechs Freunde mit dem Prozess des Erwachsenwerdens verbunden. Die Rollen und Figuren sind klar angelegt und definiert, das Spiel der Gestik, Mimik und des Nicht-Gesagten ist prägend für diesen Theaterabend des Jungen Schauspiel am Ballhof. Sensible Assoziationsketten entwerfen ein Bild von dem, was die Zuschauenden nicht durch den gesprochenen Text erfahren können und schaffen einen Zugang zum Innenleben der Figuren und eine Verbindung zum Publikum des Jungen Schauspiel.

Foto: Isabel Machado Rios

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