Dystopie der einfachen Antworten

Zwischen meterhohen Aluminiumstangen liegt Eichenlaub. Dies ist der deutsche Wald. Hindurch in Richtung Publikum raschelt und schlängelt sich eine Gruppe Vereinzelter und verharrt, wenn hinter ihnen Blendscheinwerfer aufdröhnen. Dann fallen Schüsse, es folgen Schreie und die Gruppe stiebt auseinander.

Beklemmend beginnt das Stück Endland unter der Regie von Paul Schwesig, das am 9. November 2018 seine Uraufführung im Ballhof Zwei feierte.

Als der Abdruck der Blendscheinwerfer auf der Netzhaut weggeblinzelt ist, findet man sich in einer dystopischen, jedoch nicht allzu fernen Zukunft wieder. Da sind die beiden Protagonisten Anton (Sebastian Weiss) und Noah (Maximilian Grünewald), die ihren Militärdienst ableisten in einem von der Partei „Nationale Alternative“ regierten Deutschland. Das Leben der beiden Freunde seit Kindheitstagen, die inzwischen Liebende geworden sind, wird bestimmt durch die Veränderungen, die durch die „Nationale Alternative“ veranlasst werden: Deutschland ist nicht mehr Mitglied der EU, seine Außengrenzen lässt es von Pflichtmilitärdienstleistenden wie Noah und Anton mit Schießbefehl schützen und durch Veränderungen der Lehrpläne versucht die „Nationale Alternative“ ihre Ideen in die DNA der heranwachsenden Generation einzuschreiben.

Um dem Lagerkoller im Militärdienst zu entfliehen, ziehen die beiden Protagonisten sich zu zweit zurück und lassen es zu, dass die Politik der „Nationalen Alternative“ sich wie ein Keil auch in ihre jahrzehntealte Freundschaft treibt. Noah aus gutem Hause hat die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, obwohl seine Eltern mit ihren Bio-Lebensmitteln ihre moralische Überlegenheit gleich mit eingekauft haben. Er hadert mit dem Militärdienst und begrüßt Flüchtlinge als Bereicherung der offenen Gesellschaft. Anton dagegen sieht in jenen Flüchtlingen Invasoren und Konkurrenten für sich und seine Familie. Seine Mutter hat dank der Partei wieder einen Job in einem Atomkraftwerk. Was beide zusammenhält ist die gemeinsame Erinnerung. Zwischen ihren politischen Einstellungen findet jedoch keine Vermittlung statt, da der eine nach der demütigenden Verbitterung der Vorjahre endlich Wertschätzung erfährt und sich als Teil der Gesellschaft wahrgenommen fühlt, während der andere blind und verständnislos auf seinem hohen Ross verharrt. Beide machen es sich zu leicht, ihre eigene Einteilung in Gut und Böse, Schwarz und Weiß, infrage zu stellen. Dementsprechend zeigen auch die Kostüme einen Farbverlauf von schwarz über Grautöne zu weiß. Doch entgegen der visualisierten Widersprüchlichkeiten in der Kostümierung verzichtet das Stück im weiteren Verlauf gänzlich darauf. Und auch dieser anfängliche Versuch bleibt holzschnittartig.

Stattdessen wird mit dem weit weit ausgestreckten Finger auf die anderen, die Ossis, die Dummen gezeigt und dem Publikum nicht an einer Stelle zugemutet, sich selbstkritisch mit dem auf der Bühne dargestellten auseinanderzusetzen. Nicht einmal der Transfer von „Nationaler Alternative“ zur AfD wird dem Publikum zugetraut. Entsprechend verspricht sich Noah gleich zu Beginn scheinbar unpassend. An anderer Stelle wird die sich zuspitzende Handlung von O-Tönen aus Pegida-Demos und aus AfD-Reden untermalt. Auffällig dabei die plakative Darstellung des geringen Bildungsgrades der Zitierten, der sich durch einen breiten ostdeutschen Akzent äußert, über den man in einem hannöverschen Theater gerne mal schmunzelt. Dabei wird sträflich vergessen, dass die Voraussetzung der Machtübernahme durch eine völkisch-nationalistische Partei die Mehrheit im Parlament und in der Gesellschaft ist. Und diese Mehrheit besteht beunruhigenderweise leider nicht nur aus dummen Ostdeutschen.

Anton findet sich schon sehr bald unversehens in Polen wieder mit dem informellen Auftrag seines militärischen Vorgesetzten in einem Lieferwagen als ukrainischer Flüchtling getarnt die Grenze zu passieren und sich Zugang zu einem Flüchtlingsheim zu verschaffen. Die klaustrophobische Enge des Lieferwagens wird vermittelt durch den Einsatz von Videokameras, die die Bilder zusammengepferchter Leiber auf eine Leinwand übertragen. Im Lieferwagen befindet sich auch Fana (Sithembile Menck), deren Lebensweg zuvor geschildert wurde und sich nun unversehens mit Antons kreuzt. Fana ist aus Eritrea und wurde von einer deutschen Entwicklungshelferin ermutigt, nach Deutschland zu migrieren. Und während ihre deutsche Freundin ins Flugzeug nach Deutschland steigt, nimmt Fana ihre Reise auf. An dieser Stelle ist der Einsatz der Kamera geschickt, an anderer Stelle zwängt sie sich als erzählerische Instanz zwischen Geschehen und Zuschauer, die im Theater glücklicherweise in der Regel wegfällt. Das Bühnenbild erweist sich als aufregend vielseitig und variabel. Repräsentiert es zu Beginn dichten deutschen Laubwald, wird es zunächst zur passierbaren und dann zur undurchdringlichen Grenze und zum gordischen Knoten, den Anton nicht durchschlagen kann, so sehr er sich auch hineinwirft.

Im Flüchtlingsheim angekommen erweitert sich Antons Auftrag, denn nun soll er zum Bombenattentäter im Gewand eines Flüchtlings werden, um die Stimmung im Land endgültig gegen die Immigration zu kippen. Die Bombe wird ihm untergejubelt. Wehren kann er sich nicht. Und auch wenn er im Angesicht der Katastrophe zum Held wird, verpasst es das Stück an dieser Stelle, an Anton eine wahre Katharsis zu demonstrieren. Zum Held wird er nicht, weil er mit den Überzeugungen der „Nationalen Alternative“ bricht, sondern einzig vor dem Hintergrund der narzisstischen Kränkung, die er erfährt, als er realisiert, zum Spielball geworden zu sein und nicht über sein eigenes Schicksal zu verfügen. Es folgt seine Flucht neben die parallel die Flucht seines Freundes Noah montiert wird, der als allmächtiger Hacker im Verborgenen und mit scheinbar unendlichen Fähigkeiten im Zugriff auf fremde Computer, Drohnen und Überwachungskameras an seinem Beitrag zum Verlauf seines eigenen Schicksals, dem seines Landes und seines Freundes Anton arbeitet. Zeitgleich dazu bewältigt Fana, ganz Frau, die Verarbeitung verflossener Romanzen, was etwas plump wirkt, wenn man es neben die dramatische Zuspitzung im Leben der beiden Freunde hält. Insgesamt wird der letzte Teil des Stückes lediglich durch die Protagonisten nacherzählt. Diese springen dabei zwar aufgeregt im Bühnenbild umher. Die Chance einen hochdramatischen emotionalen Moment performativ in Szene zu setzen, der nachhallt und das Publikum ergreift, verfällt leider ungenutzt. Am Ende befindet sich die Handlung in Addis Abeba, Äthiopien, Afrika. Der Marschier-Chor, der das Stück die ganze Zeit begleitet, kommt zum Stehen und setzt sich erneut die das Individuum zur Masse degradierende Masken auf.

Foto: Isabel Machado Rios

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