doch der morgen kam nie

Am 27. November las Johanna Wokalek in musikalischer Begleitung des Pianisten Jacques Ammon den 1934 veröffentlichten Briefroman Fast ganz die Deine im Schauspielhaus.
Der Roman umfasst einen Lösungsprozess der Autorin Marcelle Sauvageot, die mittels eines Briefes von ihrem Geliebten verlassen wurde – um eine andere Frau zu heiraten.
Marcelle Sauvageot, geplagt von Krankheit, bleibt sich diesen Worten gegenüber selbst überlassen und beginnt, in einem Brief zu antworten. Sie durchlebt diverse Phasen zwischen Angst, Einsamkeit und Schuld, während sie die Briefzeilen analysiert, wieder und wieder interpretiert und ihnen schließlich eine neue Sinnhaftigkeit verleiht, der ihr zu einem Abschluss verhilft.

Ich dachte, dass es morgen besser wird. Doch der Morgen kam nie.
Durch ein Stück Papier und ein wenig Tinte zu erfahren, dass die gemeinsame Geschichte vorbei ist, ist kein schmerzloser Weg. Die Person zu verlassen, die Momente zuvor noch als Partner*in bezeichnet wurde, bedeutet einen schleichenden Prozess, der sich vielleicht erst durch das Niederschreiben eines auslaufenden Vertrags manifestiert. Ein Kompensationsmittel des eigenen Scheiterns. Vielleicht. Eine Beziehung befindet sich so lange in einem Dazwischen, bis ein Teil eine Entscheidung trifft. Im Falle der Marcelle Sauvageot wurden mehrfach Entscheidungen getroffen. Die Entscheidung, zu lang an einer zerbrechenden Beziehung festzuhalten. Die Entscheidung, die bestehende Verlobung aufzulösen, um eine neue einzugehen. Die Entscheidung, diese Handlung nicht in leiblicher Kopräsenz zu kommunizieren. Die Entscheidung der Distanz und die Entscheidung der analytischen wie lyrischen Auseinandersetzung.

Sei also der Gedanke, es sei ein Verlöbnis gegeben und damit einhergehend eine Vereinbarung über das Versprechen der dauerhaften Partnerschaft. Kränkelt die Beziehung also möglicherweise, besteht durch die Verlobungsvereinbarung auch ein  Machtverhältnis. Unter Umständen besteht ein (emotionales) Abhängigkeitsverhältnis voneinander, das sich auch darauf stützen kann, ein Vertrauensvorschuss oder eine Konstante der Gewissheit über die Präsenz des oder der Anderen zu sein. Es müssen also eigene und fremde Grenzen überschritten werden, die dem Gegenüber die Entscheidungskraft absprechen, wenn eine Trennung vollzogen wird. Im Optimalfall geschieht dies im Einvernehmen. Dennoch bleibt jedem Teil der vorangegangenen Partnerschaft das Recht, die Beziehung zu beenden und wieder als Individuum ohne Partner*in zu agieren.
Diese Rückkehr zum Individuum erfordert beidseitig einen emanzipatorischen Akt.
Marcelle Sauvageot erlebt diesen durch ihre Befreiung mittels einer Antwort und der selbstreflektierten Analyse. Ihr ehemaliger Geliebter durch das Lösen und das Eingehen der neuen Verbindung.

Der Abend ruft spannende und altbekannte Assoziationen auf, die womöglich auch in Erfahrungshorizonten der Zuschauenden liegen. Während Jacques Ammon das Unausgesprochene musikalisch interpretiert, variiert Johanna Wokalek in ihrer Tonalität, greift Gedanken auf und lässt sie in immer passenden Dynamiken wieder fallen. Den Zuschauenden wird ein Einblick in das Innenleben mindestens zweier Figuren ermöglicht und zeigt einen Ort auf, an dem Gefühle wehtun und doch heilsam wirken.

Foto: Karsten Knocke

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