I am a passenger – and I ride and I ride – I ride through the city’s backside

Als ich mich dafür entschied, mir Iggy – Lust for Life auf der Bühne anzusehen, dachte ich vor allem daran, dass ich als Kind der 1990er Jahre schon immer einen Faible für die Musik der 70er und 80er Jahre gehabt hatte. Anders als beispielsweise meinen Eltern merke ich allerdings auch oft, dass mir das Hintergrundwissen fehlt, der Zeitgeist sozusagen. Ich war nicht dabei, als Queen beim Live Aid Konzert das Wembley Stadion rockte, ich konnte anders als meine Mutter nicht David Bowie in Berlin singen hören und von Iggy Pop bekam ich nur noch mit, dass er Werbung für die Deutsche Bahn macht.

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen gehe ich jetzt zur Premiere und bin direkt erleichtert, dass ich auf Anhieb Bowie und Iggy erkenne (einer der vier Iggys sieht sogar genauso aus wie der aus der Werbung).
Das Bühnenbild gefällt mir auf Anhieb. Ein sich drehender Kasten, der das Berlin der 70er Jahre darstellen soll. Die Stadt ist lebendig und vielfältig, sie ist eine Stadt der Ausnahmen, umgeben von einer Mauer und alten Nazifassaden. Sie lockt Künstler*innen aus der ganzen Welt an und auch Bowie und Iggy sind fasziniert. Dennoch ist Iggy nicht zufrieden mit seiner Musik, er durchlebt einen Drogenrausch nach dem anderen bis ihm geraten wird, das Ohr von der eigenen Musik abzuwenden und zunächst der Stadt zuzuhören. Und zu hören gibt es eine ganze Menge: die Sounds der queeren Szene, das Rumoren von Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof in ihren Zellen, literarisch-politische Diskussionen von Günter Grass und Thomas Brasch und über allen der typische Lärm aus hupenden Autos, ranzigen Clubs und feiernden Menschen. Mittendrin sind Bowie und Iggy. Sie versuchen, die schrille Stadt zu verstehen und ihre Musik anzupassen, was ihnen nach und nach auch gelingt.

Iggy – Lust for Life ist ein voll von Anspielungen und mit Sicherheit eine grandiose Zeitreise für alle, die ihre Jugend in der 70er Jahren genossen haben. Doch auch mir gefällt das Stück, aber mit einigen Szenen habe ich meine Probleme. Kunst darf ja bekanntlich alles, ob sie deswegen auch alles tun sollte, ist nochmal eine andere Frage. Wirbelnde Hakenkreuze im Hintergrund, Bowies Hitlergrüße und ein Lob auf den Faschismus sprengen bei mir auf jeden Fall die Grenzen des Ertragbaren.

Was bleibt, sind viele Fragen. Einige lassen sich mithilfe des Programmhefts und Wikipedia schnell beantworten, aber so einfach ist es dann auch nicht. Mit dem Zeitgeist gebe ich mich nicht zufrieden, ich möchte noch mehr über die Zeit in Berlin und die beiden Künstler erfahren. Musikalisch überzeugt hat mich der Abend auf jeden Fall. Während ich ein wenig neidisch darüber nachdenke, dass meine Mutter Bowie wirklich in Berlin gesehen hat, macht sich mein Vater darüber lustig, dass ich mich – anders als seine Generation – nicht mehr musikalisch von meinen Eltern abgrenze, sondern eher mit Trauer auf all die Musiker*innen blicke, die ich verpasst habe. Doch auch, wenn Bowie tot ist und Iggy Werbung für die Deutsche Bahn macht, weiß ich, dass ihre Musik und die vieler anderer fortlebt und nur darauf wartet, von Generation zu Generation neu entdeckt zu werden. Und anders als in der Generation meiner Großeltern, die zumindest in meinem Fall vornehmlich Schlager gehört haben, gibt es da auch was zu entdecken. Iggy – Lust for Life gibt mir Grund zum Nachdenken, kritisch zu hinterfragen und musikalisch zu genießen. Also macht es wie die Dame in der ersten Reihe, bleibt nicht still sitzen, sondern überzeugt euch selbst vom Stück und der Musik!

Foto: Katrin Ribbe

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