zurück von der Zeitreise

„Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Freiheit klaut!“
Hannovers Innenstadt ist voll von Demonstrant*innen, die friedlich gegen das geplante Polizei- und Ordnungsgesetz protestieren. Während ich von der Sambagruppe des Demozugs weg in Richtung Schauspielhaus tanze, hallen die Worte nach.
Was für ein universaler Protestruf. Einfach zu merken und reimt sich: Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns XY klaut.
Wie hätten wohl die Zeugen früherer Epochen diesen Satz vervollständigt? Welche elementaren Größen wurden den Menschen damals gestohlen?

Kartoffelsuppe löffelnd stehe ich im Innenhof an der Feuerschale. Es ist dunkel draußen. Dass es ein wenig nieselt, merkt man durch die Wärme des Feuers kaum. Nach zwei Theateraufführungen tut die frische Luft gut und während sich mein Blick in den leuchtenden Flammen verliert, bekommt mein Kopf die Chance, das Gesehene zu verarbeiten.

Seitdem ich lebe, gab es in Deutschland keinen Krieg. Ich kenne niemanden, der als Soldat*in arbeitet. Selbst meine Großmutter hatte wenig darüber zu berichten, denn sie lebte an der Grenze zur Schweiz. Krieg ist für mich etwas Fernes, Furchtbares, das ich bloß aus Büchern oder den Nachrichten kenne. Trotzdem ist mir schon immer klar gewesen, dass Krieg grausam ist. Grausam und nutzlos.
Wie sehr sich Menschen anpassen und verändern, wenn ihre Lebensrealität daraus besteht, verliert man allerdings leicht aus den Augen, solange man nicht direkt mit dem Thema konfrontiert wird.
Im Westen nichts Neues tut genau das. Das Stück nimmt uns mit zur Front. Der Zuschauer erlebt die Geschehnisse indirekt mit und wird zum Zeugen. Er bekommt eine Vorstellung davon, in welch unbeschreiblicher Dimension der Krieg, die von ihm betroffenen Generationen, psychisch geschädigt haben muss.
Zur Gewohnheit geworden, lässt der Krieg die Soldaten, die von Beruf etwas anderes sind, erhärten und abstumpfen. Sie werden zu Menschentieren, die auf irrationale Weise zwischen den Gegensätzen vom Gehorsam, den sie eingedrillt bekommen haben, und der Sinnlosigkeit des Krieges hin- und hergerissen sind. Der absurde Zufall, der zwischen Leben und Tod entscheidet, lässt eine Gleichgültigkeit in ihnen erwachsen, die sich in Verbitterung, Zynismus und Mitleidslosigkeit ausdrückt.
„Zwei Jahre Schießen und Töten – das ziehst du doch nicht aus wie einen Strumpf!“, sagt einer der Protagonisten.

Dass man das tatsächlich nicht kann, zeigt im Anschluss Der schwarze Obelisk.
Als Zuschauer begleitet man den auf humorvolle Weise dargestellten Alltag der Hauptfigur zur Zeit der Weimarer Republik. Die Folgen der psychischen Verstörung durch den Ersten Weltkrieg dominieren, von Comedy-Elementen kontrastiert, die Erzählung. Der Krieg ist dadurch präsent, ohne es tatsächlich zu sein. Einen Endpunkt hat das Stück für mich nicht, ich verstehe es eher als Abbild der Epoche.
Der zynische Protagonist, der nicht als solcher geboren, sondern dazu gemacht wurde. Die Meldungen über Suizide, die niemanden überraschen. Die immer wiederkehrenden Gesprächsthemen, vom Diktat des Versailler Vertrages bis hin zu Fragen über Sinn und Zweck des verlorenen Krieges. Oder der plumpe Gegenspieler, für den die Nationalisten die Lösung für die extrem instabile Währung und hohe Arbeitslosigkeit haben.
Es kristalliert sich nicht nur heraus, was für Folgen der Krieg für die Menschen hatte, sondern auch, inwieweit diese Voraussetzung für den darauf folgenden Teil der Geschichtsschreibung waren.

Einen Ausschnitt daraus bekommen wir dann nach dem Essen zu sehen.
Die Nacht von Lissabon ist eine beeindruckende Two-Men-Show. Eine Geschichte von Flucht und Vertreibung wird spannend und anschaulich erzählt. Der Zuschauer verfolgt das Geschehen gebannt.
Die unbeschreibliche Macht eines gültigen Passes, Zustände von Angst und Panik als ständige Fluchtbegleiter, Freude über die einfachsten Dinge im Leben – die Erzählung ist so nah, ich fühle mich, als wäre ich mittendrin. Es macht mich betroffen, dass eine so extreme Lebenssituation gerade der Alltag viel zu vieler Menschen ist.

Auf dem Weg nach Hause reden wir über die Highlights des Theatertags. Eine offensichtlich mindestens gut angetrunkene Gruppe Jugendlicher kommt uns entgegen. Einer grölt seinem Kumpel etwas Unverständliches zu. Den Weg entlang torkelnd hebt dieser die offene Weinflasche in seiner Hand und prostet dem anderen lachend zu. Ich erinnere mich an einen Soldaten aus Im Westen nichts Neues. „Wir haben keine Jugend mehr“, erklärte er dem Publikum mit eiserner Miene. Die sei ihnen vom Krieg genommen worden. „Was für ein Gegensatz!“, denke ich, während die Meute Feierwütiger an uns vorbeiläuft. Ich habe in dem Moment überhaupt keine Lust zu Feiern. Viel zu müde bin ich von den ganzen Eindrücken des Tages. Es waren sicherlich auch nicht die leichtesten Themen, aber dennoch (oder deswegen) war der Theatertag interessant.
Gerade zur jetzigen Zeit scheint es mir wichtiger denn je, dass wir die Vergangenheit mit all ihren Fehlern präsent in Erinnerung haben. Es ist wichtig, dass wir uns bewusst sind, was ein Krieg auf Dauer anrichten kann, wie er Menschen beeinflusst und unter Umständen auch den Weg für weitere Schrecken ebnet. Die Geschichte muss dazu als verkettete Abfolge von Ereignissen gehen werden und nicht bloß als einzelne Daten, die nichts als den Zeitstrahl, an dem sie stehen, gemeinsam haben. Wir werden zu dem gemacht, was wir sind. Dann machen wir aus dem, was wir sind, das, was gemacht wird. Es liegt in unserer Verantwortung, die Geschichte so weiterzuschreiben, wie wir sie einmal lesen möchten. Unsere Taten und Worte, das, was wir als Kollektiv auf die Beine stellen, woran wir arbeiten, was wir unterstützen und wofür wir uns engagieren; die Summe dieser Dinge bestimmt am Ende den Lauf der Dinge. Ich hoffe, dass es auf eine Art weitergehen wird, bei der auf Demonstrationen weder die Jugend, noch die Freiheit als gestohlen gemeldet werden müssen.

Foto: Anna Sarachi

  1. Ich bin begeistert – wann werden wir so etwas in Berlin erleben? Vielleicht mit farbigen Weste, aber ohne Feuer und Brutalität! „Was für ein universaler Protestruf. Einfach zu merken und reimt sich: Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns XY klaut.
    Wie hätten wohl die Zeugen früherer Epochen diesen Satz vervollständigt? Welche elementaren Größen wurden den Menschen damals gestohlen?“ Grund und Boden und die anderen Produktionsmittel!

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