U-Bahn-Roulette mit Kleist

In einem anonymen Wohnzimmer stehen zwischen Gläsern mit Rotweinresten, überquellenden Aschenbechern und einem Durcheinander aus Polaroids zwei Schlangenlederstiefel. In diesen Stiefeln stecken Nina Wolfs Beine, sie ist empört.

Nina: Alles ist besser in 1976!
Inke: Ich bin nicht überzeugt. Sie durchwühlt die Polaroids und beschriftet sie mit catchy Songlyrics. Du fühlst die ganze Angelegenheit ein kleines bisschen zu sehr.
Nina: LA-LA-LA-LA-LALALA-LA!
Nina spielt oberkörperfrei E-Gitarre und singt inbrünstig mit geschlossenen Augen.
Inke: Ich weiß, wie lebhaft meine Aufführungsanalysen in der Regel ausfallen, und ich bin auch ein großer Fan deiner kleinen närrischen Performance, aber ich würde liebend gern von meinem Abenteuer erzählen.
Nina: Überzeuge mich und erkläre mir, warum wir eigentlich im 70er-Jahre-West-Berlin gelandet sind und was dein abenteuerlicher Ritt mit dem Schauspiel Hannover Blog zutun hat.
Inke holt tief Luft und beginnt aufgeregt das Gedankenexperiment: Wir sind Iggy Pop und David Bowie. Mitte/Ende der Siebziger in Berlin gestrandet, nachdem wir beide unsere vorherigen Projekte in den Sand gesetzt haben – oder sie sich im Sand verlaufen haben. Wir stolpern zwischen den Hansa Studios, unserer gemeinsamen Wohnung sie deutet auf das anonyme Wohnzimmer und dem Nachtleben umher und wissen noch nicht, dass wir hier unsere größten Hits aufnehmen werden. Es wird eine schnelle und atemlose Stolperei, die vielleicht auch etwas mit ihr Blick wird liebevoll Heini von Kleist zu tun haben wird.
Nina setzt sich eine Perücke mit blondem Long-Bob auf und verwandelt sich in schwindelerregender Geschwindigkeit nacheinander in vier verschiedene Versionen von Iggy Pop. 
Inke: Jajaja! Genau! 
Sie gibt den im Schatten der riesigen Discokugel beinahe unsichtbaren Statist*innen ein Zeichen. Ratternd beginnt sich das Wohnzimmer zu drehen. Nina beginnt „Night Clubbing“ zu singen.
Inke: Wir erleben die Geschichte als einen schnellen Ritt. Gerade räkeln sich noch vier Iggys zu den Takten von Space Oddity, als sich auch schon der Boden öffnet und eine zweistöckige Bühneninstallation aus den Tiefen erhebt. Darauf Carolin Haupt als David Bowie. Wir erfahren kurz, wie Iggy nach Berlin gelangt ist, dass die zwei Musiker nun in einer gemeinsamen WG leben und sich künstlerisch neu erfinden möchten. Die Bühnenkonstruktion dreht jeweils den Raum in Richtung des Publikums, der gerade bespielt wird. So erleben wir also die Aufnahmen im Studio, begegnen und verleugnen menschlichen Abgründen oder stehen am U-Bahnhof der Kleiststraße. Währenddessen spielt eine Live-Band, die aus den Schauspielenden und einem Schlagzeuger besteht, die bekanntesten Lieder von Bowie und Pop. Niemals scheint auch nur irgendetwas stehen zu bleiben, immer ist etwas in Bewegung.
Bei der Erinnerung an das Bühnenbild denkt sie automatisch an Stichsägen und ist ein bisschen sauer, dass sie von niemandem gefragt wurde, ob sie nicht auch einmal sägen wolle. 
Nina: Warum gibt es eigentlich keine echten Rockstars mehr? Ist der Punk wirklich dead? Wie abgekultet ist man eigentlich, wenn seine Biografie auf einer Staatstheaterbühne gespielt wird?
Inke: Während der Aufführung habe ich mich, inspiriert von meinen Sitznachbar*innen, zu einer kleinen Feldstudie hinreißen lassen. Auf der einen Seite ein älteres Paar, das gemeinsam zu einem sehr großen Iggy-Pop-Fan formierte und jeden Song mitsummte, auf der anderen Seite ein weiteres Paar, das ab und an halblaut fragte, wenn denn endlich dieser eine Song von diesem Bowie (Heroes) gespielt werden würde. Fazit: Der Punk ist erst dann tot, wenn niemand mehr meckert. Rockstars sind diese Menschen, die einem die Theatertickets klauen, um dann nicht hinzugehen und der Kult entsteht durch den Mythos. Sie legt einen Triangelsolo hin, um das Fazit zu stützen.
Nina: Aber was hat Heinrich von Kleist mit der ganzen Sache zu tun?
Inke: Der Ankündigungstext spricht davon, dass Iggy den anderen Verrückten besuchen möchte und so sehen wir auch die eine oder andere Szene mit Heini. Seien es zunächst große Leuchtbuchstaben, so erleben wir später auch Kleists Tiefpunkt. Revolver, Tränen, Verzweiflung. Eine Parabel auf Iggy Pops Leben scheinbar.
Beide schweigen kurz und erinnern sich an einen Literaturkurs aus dem dritten Semester, in dem sie ausgiebig über Kleists Leben und Sterben sprachen, und dank dessen sie beide große Kleistfans geworden sind.
Neulich erst habe ich in meiner Reclamsammlung gestöbert und als der Stapel umkippte, lagen seine sämtlichen Werke vor mir. Das war so ähnlich wie die Werbung in sozialen Netzwerken zu Dingen, über die man im Traum mal aus Versehen nachgedacht hat.
Nina findet ein Foto von David Bowie in einem schwarzen Catsuit, ringsherum Menschen in Ledermänteln und sehr viele traurige Iggys in weißen Tütüs. 
Inke: Wir haben also einen Mix aus zweier Leben als Roadmovie – oder U-Bahn-Roulette – erlebt. Die wichtigsten Stationen werden angesteuert und auch schnell verlassen. Manchmal reicht die Zeit nicht zum Begreifen oder Verstehen, aber genau dafür ist auch Raum. Eine spannende Verknüpfung mehrerer Biografien, die wie der Blitz einer Kamera aufleuchten.
Beide nicken eine Weile. Dann räkeln sie sich in Tütüs, während eine Nebelmaschine für die richtige Atmosphäre sorgt. Sie fühlen sich ein wenig mysteriös. Nur ab und an glänzt die Discokugel hervor. 

Foto: Katrin Ribbe

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