Die Edda. Elemente

Die mit dem FAUST Theaterpreis ausgezeichnete Inszenierung Die Edda von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason besticht durch atmosphärische Szenografie und große Bilderwelten (Bühnenbild: Wolfgang Menardi).

Die bereits zu Beginn vollständig vernebelte Bühne lässt zunächst keinen Blick auf das innenliegende Bühnenbild zu. Ab und an lassen sich Schatten erkennen, sie lassen Raum zum Imaginieren. Als sich schließlich die Gaze hebt, fließt der Nebel in den Zuschauerraum und raubt den ersten Reihen buchstäblich den Atem. Schließlich lässt sich eine Landschaft erkennen. Verschneite Kreaturen und Gebilde, weite weiße Wände und ein gewaltiger liegender Baum. Dieser Baum wird alsbald von einer Gruppe Bühnenarbeitender gesichert in die Höhe gehoben und hängt von nun an von der Bühnendecke.

Eine aus vielen einzelnen Lamellen bestehende Lichtinstallation erscheint als wichtiges szenografisches Element. Die beweglichen Segmente erzeugen sowohl beklemmende als auch humoristische Situationen, die durch Abgrenzungsmomente entstehen. So wird die Installation einmal als horizontale und statische Platte so weit herabgesenkt, dass sie die körperlich zu großen Zwerge auf eine vermeintlich bekannte Größe zwingt. Ein anderes mal wird das Lichtelement schnell und wellenartig bewegt und erzeugt eine unruhige Aufbruchstimmung, erscheint als leuchtender Hintergrund der Bühnenperformance zweier Sänger*innen oder ist schlicht im Weg, sodass sich die Schauspieler*innen der aktuellen Formation der Lamellen durch Kriechen anpassen müssen, um an ihr vorbei zu gelangen. Allein durch dieses Element werden unterschiedliche Bilder erzeugt, die das Gesehene voneinander abgrenzen oder gar damit brechen, indem die Installation durch ihre Präsenz einen Raum einfordert, der während vieler Inszenierungen meist nicht eröffnet wird.

Ebenso gewaltig wie der Baum und die Lichtinstallation erscheint das zunächst zerklüftete Metallgerüst. Ist es anfangs noch in zwei Hälften geteilt und wird kaum bespielt, so erscheint es im zweiten Teil der Inszenierung als Ganzes. Nun ist erkennbar, dass auch das Gerüst eine Art Hohlraum hervorbringt, in welchen der hängende Baum eingeschlossen ist, sodass sich die Figuren mittels des Gerüstes um den Baum herum bewegen können. Das Gerüst verfügt über eine ausgeprägte Lautlichkeit, Schritte sind deutlich zu hören, Sicherheitsklappen fallen krachend zu und erzeugen ein Bild des widerspenstigen Ineinanderfügens.

Die Lautlichkeit sowie Musikalität erscheinen ebenso bedeutend wie die physischen Bühnenelemente. Neben eindeutigen musikalischen Untermalungen, bildet sich auch eine Klangcollage heraus, die vielleicht erst durch ihre Rekonstruktion auffällig wird. Die eben beschriebenen metallenen Geräusche des Gerüstes wirken zunächst fehlplatziert, dissonant oder gar störend, erhalten jedoch direkt zu Beginn der zweiten Hälfte einen besonderen Raum, indem die Schauspieler*innen auf der Bühne mit Schlagzeugstöcken ausgestattet zu  dem Lied My Body Is A Cage rhythmisch gegen das Gestänge schlagen und so eine zweite Klangebene erschaffen.

 Thorleifur Örn Arnarsson zeigt den Zuschauenden immer wieder die Abläufe und technischen Zusammenhänge innerhalb einer Inszenierung. Mitarbeitende verrichten ihre Arbeit, Schritte werden inszeniert und hervorgehobene, Irritationsaugenblicke lassen sich als Inszenierungsstrategie erkennen.
Die Inszenierung der Edda verleiht dem Verborgenen eine Sichtbarkeit, die durch ein Spiel von Abwesenheit und Präsenz bekannte Seherfahrungen hinterfragt und untergräbt.

Foto: Katrin Ribbe

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